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« dnia: Sierpień 27, 2018, 13:02 »
»Ich war nur vierte Wahl
23.08.2018 - 23:05 Uhr

40 JAHRE NACH SEINEM WELTRAUMFLUG VERRÄT SIGMUND JÄHN


Sigmund Jähn (81) stammt aus Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland. Er war vor 40 Jahren der erste Deutsche im Weltall Foto: picture-alliance

Berlin – Gestartet in der Steppe Kasachstans, gelandet in den Herzen eines ganzen halben Landes. Sigmund Jähn, der größte Held der DDR. Sachsenjunge aus dem Vogtland, Buchdrucker, Jagdflieger und schließlich erster Deutscher im Weltall. Jähn ist 41, als er unsterblich wird.

Am Sonntag ist das 40 Jahr her. Und er sagt: „Man soll sich selbst nicht überschätzen. Das Glück an Bord dieses Raumschiffes sein zu dürfen, hätte jeden treffen können. Die Menschen haben sich über den ersten Deutschen im All gefreut, nicht über Sigmund Jähn.“

Und er? Hat er nicht in 40 Jahren nicht alle All-Geschichten längst erzählt?

„Nein“, sagt Jähn. Und verrät, was er nach seiner Rückkehr auf die Erde nicht sagen durfte.

HONECKER WOLLTE EINEN ANDEREN!

Beinahe wäre Sigmund Jähn nicht der erste Deutsche im All geworden. Denn auf der Liste der DDR-Auswahlkommision standen vier möglichen Kandidaten.

Jähn: „Im letzten Befehl, der an Honecker gemeldet wurde, war ich auf dem letzten Platz. Eberhard Köllner war auf Rang drei..."

Die Verantwortlichen in der DDR hatten sich für zwei andere Flieger entschieden! Doch nach der medizinischen Überprüfung der vier Kandidaten in Moskau setzten die russischen Ärzte Jähn plötzlich ganz oben auf die Liste, dahinter folgte Eberhard Köllner.

„Bei den beiden anderen hatten sie medizinische Bedenken.“ Da konnte auch Honecker nicht widersprechen. Dessen Favorit lebt heute übrigens nicht mehr. Er starb vor zehn Jahren, sagt Jähn.


Waleri Bykowski (heute 84, l.) und Sigmund Jähn in ihrer Raumkapsel Foto: picture-alliance / dpa

EIN STÜCK WESTEN WAR SEIN GLÜCKSBRINGER

„Wir durften ein Kilo persönliches Gepäck mitnehmen. Das steckten wir zum Teil in die Taschen unseres Raumanzuges“, sagt Jähn.

Seine kleine Tochter hatte ihm einen Anhänger gehäkelt, er packte ein Souvenir aus Rautenkranz ein, dazu vier Uhren aus Ruhla – und das Stück einer Fliegerkarte!

„Die war mein Glücksbringer. Es war nur noch ein kleines Stück, das ich aus den Trümmern eines Flugzeugs aufgelesen habe, aus dem ich mich in der allerletzten Sekunde katapultierte hatte, bevor es auf den Boden krachte und vor meinen Augen explodierte.“

Die Glückskarte hatte für ihn allerdings ein Nachspiel. „Auf dem kleinen Fetzen war ausgerechnet eine Kleinstadt in der Nähe von Hamburg zu sehen – passenderweise Glückstadt. Einige dachten, es wäre eine Westkarte.“

BONZEN-BILDER AN BORD VERHÜLLT!

Die DDR schickte mit ihrem ersten Kosmonauten auch ein Foto von Erich Honecker ins All. Es musste in der Raumstation aufgehängt werden, direkt neben das Bildnis von Kreml-Chef Breschnew.

Jähn: „Ich wunderte mich, warum der Kommandant die Bilder immer wieder mit Tüchern verhängte. Vor allem wenn wir Filmaufnahmen machten, bei denen wir etwas aßen.“

Die Erklärung: „Die Bilder mussten unversehrt zur Erde zurück. Wenn man beim Essen nicht aufpasste, flogen Krümel durch die Station. Der Kommandant hatte Angst, dass Breschnew oder Honecker Essensreste ins Gesicht fliegen und sie Fettflecken bekommen.“

ÄRGER UM 'NE PUPPEN-HOCHZEIT!

Nicht nur Honecker flog ins All, auch eine Sandmännchenfigur kam als offizielles Gepäck an Bord. Jähn: „Der Kommandant hatte eine russische Puppe an Bord.

Sie hieß Mascha. Er sagte aus einer Laune heraus: Dann feiern wir jetzt eine Hochzeit mit Mascha und dem Sandmännchen! Ich dachte mir nichts dabei. Doch der Sandmann sollte – warum auch immer – unverheiratet sein. Und so kriegten wir danach Weisungen, mit dem Quatsch aufzuhören.“


Jähn (r.) und Bykowski im August 1978 auf dem Weg zu Start Foto: imago

EIN „UFO“ VOLL URIN!

Unheimliche Beobachter im All: „Als Neuankömmlinge sagte der Kommandant zu uns: Schaut mal aus dem Fenster, da beobachtet Euch jemand“, erzählt Jähn. Tatsächlich sah er im All einen Gegenstand, der neben dem Raumschiff her flog.

Ein Ufo? Schließlich klärte ihn der Kommandant auf: Das merkwürdige Flugobjekt war der Toilettenbehälter, der ins All ausgeschleust wurde, sobald er voll war. „Heute macht man das aber nicht mehr.“

Sein schönstes Erlebnis im All? „Die Sonnenaufgänge“, sagt Jähn. „Das ist ein Schauspiel für sich. Und man erlebt es 16 Mal am Tag!“

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« Odpowiedź #1 dnia: Sierpień 27, 2018, 13:04 »
Sigmund Jähn - 40 Jahre ist es schon her
FreiePresse , Erschienen am 04.08.2018 Jens Eumann


Romy Mothes mit dem Modell von Jähns und Bykowskis Sojus-Raumschiff samt Landekapsel (Mitte). Foto: Uwe Mann


Modell der Station Salut-6 mit zwei Sojus-Raumschiffen. Foto: Uwe Mann


Gerhard Thieles Tagebuch zeugt von Raumfahrerhumor. Foto: Uwe Mann


Thomas Reiters Handschuh vom ersten Spaziergang im All. Auf dem Handrücken gab es einen Klebeband-Spickzettel. Foto: Uwe Mann

Der Urahn der Deutschen Raumfahrt kommt zum Jubiläum seines Raumflugs zu einer Tagung in seinen Geburtsort im Vogtland. Dabei soll es auch eine Live-Schaltung zu Jähns Freund Alexander Gerst auf der ISS geben.

Muldenhammer. Dass Sigmund Jähn der erste Deutsche im All war, ist bekannt, aber als wievielter Mensch flog er in den Weltraum? Mit Antworten auf solche Fragen spannt die aktuelle Sonderschau der Deutschen Raumfahrtausstellung in Jähns Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz den Bogen weiter. Als er am 26. August 1978 mit dem Russen Waleri Bykowski in einer Sojus-Rakete zur russischen Station Salut- 6 flog, war Jähn der 90. Mensch im All. Inzwischen hat die Welt rund 550 Raumfahrer, darunter elf Deutsche. Ihnen allen und ihren Missionen ist die aktuelle Sonderschau "Deutsche im All - Es begann 1978" gewidmet, wenngleich Jähn als Pionier natürlich im Mittelpunkt steht.

Für die Schau öffnete er sein Archiv eigener Aufzeichnungen -und sein Kuriositätenkabinett. Geschenke, die er bekam, als er nach seinem Raumflug als Held der Republik herumgereicht wurde. Auf Reisen bedachte man ihn oft mit Schnitzwerk, nicht nur dem erzgebirgischen Räuchermann, zünftig als Raumfahrer. Auch auf anderen Kontinenten gab es Holzfiguren. Zudem zeigen drei russische Matrjoschkas Jähn und die später vom ihm gecoachten Astronauten Klaus-Dietrich Flade und Reinhold Ewald, die 1992 und 1997 im All forschten.

Mit manchen seiner Nachfolger verbindet Jähn sogar Freundschaft. Mochten die Staatssysteme damals auch konkurrieren. Bei den beiden Raumfahrern Sigmund Jähn und Ulf Merbold, dem ersten Westdeutschen im All, der 1983, fünf Jahre nach Jähn, geflogen war, überwogen Gemeinsamkeiten. Nach Merbolds Flug trafen sie sich bei einer Konferenz in Österreich. Merbold nahm Jähn im Flugzeug mit auf eine Runde über die Alpen. Die Wende 1989 erlebten sie gemeinsam bei einer Konferenz in Saudi-Arabien. Als gebürtiger Greizer verstärkt Merbold übrigens die Raumfahrerdichte in seinem Heimatlandstrich. Er war nicht nur der zweite Deutsche, sondern nach Jähn auch der zweite Vogtländer im All.

Besonders mit Alexander Gerst, der bald das Kommando auf der Internationalen Raumstation übernimmt, ist Jähn befreundet. Auf Gersts Wunsch holte man Jähn, der zunächst keine Einladung nach Baikonur bekommen hatte, im Juni auch zu Gersts zweitem Start zur ISS. Gersts aktuelle Mission "Horizons" dauert an. Bei seinem ersten Mal an Bord der ISS hatte der Astronaut aus dem baden-württembergischen Künzelsau eine auf Reisen erworbene Anstecknadel dabei, die an Jähns und Bykowskis 1978er Flug erinnerte. Keiner wusste davon. Als Gerst Jähn sein Foto mit der Nadel von der ISS schickte, habe ihn das sehr berührt, verriet Jähn später.

Am Wochenende Ende August, wenn sich Jähns Raumflug zum 40. Mal jährt, findet in der Ausstellung im Vogtland eine Tagung mit 170 geladenen Gästen statt. "Sechs deutsche Raumfahrer sind da, ein russischer und ein tschechischer, Sigmund Jähn auch", sagt Romy Mo-thes, Leiterin des Hauses. Zur Konferenz sei zwar kein Publikumsbetrieb möglich. "Aber im Außengelände gibt es zum Jubiläum am Sonntag Familienprogramm", verspricht Mothes. Höhepunkt soll eine 20-minütige Live-Schaltung zur ISS werden, bei der Jähn und Gerst über den Bildschirm in Kontakt treten. "Das wird auch ins Außengelände übertragen", sagt Mothes. Noch nicht klar ist, wann zwischen 10 und 12 Uhr die Schaltung stattfinden kann.

Unter den Gästen ist auch Gerhard Thiele. Vor 18 Jahren führte er auf dem Space Shuttle Endeavour topografische Studien durch, auf denen seine Tochter vielleicht aufbauen kann. Die promovierte Meteorologin Insa Thiele-Eich ist eine von zwei Finalistinnen des Auswahlprogramms für Deutschlands erste Frau im Weltall. Falls die Wahl auf sie fällt, dürfte sie vom Papa Tipps mitkriegen: In der aktuellen Schau gibt es Tagebuchaufzeichnungen Gerhard Thieles, der einst alles genau festhielt - sogar das Frühstück vorm Start: "Für mich gab es Rührei mit Speck und Orangensaft." Der Raumanzugtest sei "wie am Schnürchen" verlaufen. Aber dann! "Die erste Panne. Der Astrovan, der uns ans Launch Pad fährt, hält am Launch Control Center an: Bitte die Shuttle-Boarding-Pässe abgeben! Alle bis auf mich zaubern im Handumdrehen eine gelbe Karte ... aus einer der Taschen ihres Raumanzugs hervor. Von einer solchen Karte habe ich noch nie gehört und sitze da wie vom Donner gerührt. Erst nach etlichen Schrecksekunden merke ich, dass ich als Weltraumneuling einem Streich aufgesessen bin." Solche Einblicke bietet die Schau über Jähn und seine raumfahrenden Nachfahren - und noch mehr.

Wussten Sie schon, dass, als Reinhold Ewald 1997 auf der Mir war, ein Schwelbrand ausbrach? Sechs mit Gasmasken gewappneten Kosmonauten gelang es, von der Bodenstation instruiert, ihn mit dem Bordfeuerlöscher wieder zu löschen.

Wussten Sie schon, dass bei einem Experiment Reinhard Furrers 1985 auf dem Shuttle "Challenger" eine Fruchtfliege ("Willi") entwischte? Sie musste für tot erklärt werden, um Raumfahrtregeln einzuhalten. Es war übrigens der letzte erfolgreiche Flug der "Challenger", bei ihrem nächsten 1986 explodierte sie.

Und wussten Sie schon, dass Thomas Reiter am 20. Oktober 1995 der erste Deutsche war, der einen Weltraumspaziergang unternehmen konnte? Fünf Stunden und 16 Minuten werkelte er außen an der Raumstation Mir herum. Doch zurück zum Urahn deutscher Raumfahrt.

Ursprung: Sigmund Jähn - 40 Jahre ist es schon her

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« Odpowiedź #2 dnia: Sierpień 30, 2018, 05:09 »
Sigmund Jähn Neun Minuten zur Ewigkeit
Berliner Zeitung, Von  Mike Wilms 25.08.18, 10:15 Uhr


Am 26. August 1978 startete Sigmund Jähn als erster Deutscher ins Weltall. „Angst hatte ich nie. Dann wäre ich blockiert gewesen“, sagt der heute 81-Jährige über die Minuten vor und während des Starts. Foto: imago/ITAR-TASS

Das große Abenteuer des Sigmund Jähn beginnt am 26. August 1978. An diesem Sommertag fliegt der DDR-Bürger und Jagdpilot als erster Deutscher ins All. Neun Minuten dauert die Startphase, die Rakete beschleunigt von null auf 28.000 Kilometer pro Stunde. In 12.200 Metern Höhe durchbricht sie die Schallmauer – und schießt ins All. Das große Spektakel und die anschließende siebentägige Weltraum-Mission machten Jähn zu einem Idol, dessen Beliebtheit bis heute ungebrochen ist.

<a href="http://www.youtube.com/watch?v=messz7yDSys" target="_blank">http://www.youtube.com/watch?v=messz7yDSys</a>
https://www.youtube.com/watch?time_continue=267&v=messz7yDSys

Sandmann heiratet Mascha

An die Minuten vor und während des Starts erinnert sich der Raumfahrtpionier noch genau. „Angst, Angst hatte ich nie. Dann wäre ich blockiert gewesen“, sagt der heute 81-Jährige. Er vertraut auf die sowjetische Hochtechnologie der Raumkapsel Sojus-31. Sie bringt ihn und seinen russischen Kommandanten Waleri Bykowski (84) sicher vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan zur Orbitalstation Saljut 6. Nach der 18. Erdumkreisung dockt die Kapsel an der Raumstation an.

Der Blick auf den blauen Planeten, die Polarlichter, die feinsilbrige Atmosphäre: All dies brennt sich in Sigmund Jähns Gedächtnis ein. Das bewegendste Naturschauspiel aber seien die Sonnenaufgänge gewesen – „ein Farbenspiel sondergleichen“. In sieben Tagen, 20 Stunden und 49 Minuten umrundet die Sojus-Besatzung 125 Mal die Erde.


Die Post war wieder da. Jähn zeigt einen Karton voller Fanbriefe. Foto: Thomas Uhlemann

Sie absolviert wissenschaftliche Experimente, zum Beispiel zu Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf das Sprechvermögen, und erforscht die Erdkugel mit einer Multispektralkamera. In Erinnerung bleibt auch die „kosmische Hochzeit“, die Jähn zwischen dem Sandmännchen aus der DDR und der russischen Puppe Mascha zelebriert.

Kognak in die Kapsel geschmuggelt

Seine Tage als erster Deutscher im All waren der Endpunkt einer langjährigen Vorbereitung. Den Feinschliff als Flieger hatte Jähn in der Sowjetunion an der Militärakademie für Luftstreitkräfte erhalten.

1976 war der zweifache Familienvater und SED-Genosse unter größter Geheimhaltung nach Russland gezogen, wo er im „Sternenstädtchen“ bei Moskau zwei Jahre lang für den Weltraumflug trainierte, denn die Mission im All ist ein Knochenjob: Die Kosmonauten litten oft an Übelkeit und eingeschränkter Blutzirkulation.

Mission All Das große Abenteuer des Sigmund Jähn


Die kosmonauten Waleri Bykowski und  Sigmund Jähn. Das Bild entstand beim Training im Juri-Gagarin-Weltraumzentrum im Jahr 1976  Foto: Ullstein Bild


Schon als kleiner Junge hatte von Fliegen geträumt. Hier ist der heute 81-Jährige als Kind an einem Kaninchenstall im Vogtland zu sehen Foto: Berliner Verlag


Lange Zeit glaubte Jähn jedoch nicht daran, dass ein Deutscher jemals in den Weltraum starten würde. Das änderte sich 1976: Die Sowjets öffneten ihr Raumfahrtprogramm auch für andere Nationen. Und Jähn, damals Düsenjet-Pilot der Luftstreitkrafte, kam in die engere Auswahl. Foto: Imago/ITAR-TASS


Zwei Jahre trainierte Jähn im Sternenstädtschen bei Moskau für seine Weltraummission/ Hier zu sahen Jähn und sein Russischer Kollege Waleri Bykowski fotografieren sich gegenseitig. Foto: Imago stock & people


In voller Montur: Jähn auf dem Weltraumbahnhof in Kasachstan. Foto: imago/ITAR-TASS


Die Kosmonauten Jähn und Bykowski vor ihrem Starts. Foto: Imago stock & people


Im All Trug Jähn eine silberne Metallarmbanduhr. Die "Weltraumuhr" wird im Deutschen Zentrum für Luft-und Raumfahrt in Adlershof aufbewahrt und wie ein Schatz gehütet. Foto:DLR


Sigmund Jähn und Waleri Bykowski nach der Landung mit der Sojus 31. In ihren sieben Tagen, 20 Stunden und 49 Minuten auf der Raumstation hatten sie 125 Mal die Erde umrundet. Foto: imago/ITAR-TASS


Sigmund Jähn mit seiner Frau Erika in seiner Wohnung. Foto: Berliner Verlag


Autogramme: Jähn und Bykowski unterschreiben auf ihrer Kapsel. Foto: Imago stock & people


Leonid Breschnew schüttelt Sigmund Jähn im Jahr 1979 die Hand. Das Weltraumabenteuer der Kosmonauten wurde in der sozialistischen Welt bejubelt, Jähn erhielt Auszeichnungen als Held der DDR und Held der Sowjetunion. Foto: Imago stock & people


Sigmund Jähn (rechts) und Waleri Bykowski (links) mit Erich Honecker in Berlin-Marzahn. Um ihren Weltraumflug zu Würdigen, wurde in Berlin unter anderem die Allee der Kosmonauten in Lichtenberg und Marzahn nach ihnen benannt. Foto: Imago stock & people

Jähns Weltraumflug wird in der DDR und der ganzen sozialistischen Welt gefeiert, auch als Triumph über den Westen. Die Medien berichten umfassend. „Berlin grüßt die Kosmonauten“, schrieb die Zeitung BZA am 28. August 1978. Sie zitierte die Schlagersängerin Vera Schneidenbach mit den Worten: „Der erste Deutsche, ein Bürger der DDR im Kosmos, an der Seite eines sowjetischen Fliegerkosmonauten – das ist natürlich Musik auch in meinem Ohren!“

Nicht alles war indes für die Öffentlichkeit bestimmt: Dass die Besatzung Kognak in die Kapsel geschmuggelt hatte, behielten die Kosmonauten lange für sich.

Telegramm von Honecker

Im Weltraum erwarten Jähn und Bykowski die zweiköpfige Stammbesatzung der Orbitalstation Saljut 6, Wladimir Kowaljonok und Alexander Iwantschenkow. Die Neuankömmlinge werden an Bord mit Brot und Salz empfangen und händigen ihren Gastgebern Post von der Erde aus.

Die vier Kosmonauten setzen umgehend Telegramme an Leonid Breschnew und Erich Honecker auf. Förmlich geht es darin zu: „Die internationale Besatzung hat mit der Verwirklichung ihres Auftrages begonnen. Unser Befinden ist gut.“ Breschnew und Honecker wiederum beglückwünschen telegrafisch.


Mit All-Kollege Waleri Bykowski vor Jahren in Morgenröthe-Rautenkranz. Im Juli traf Jähn den Freund in Russland: „Es geht ihm gesundheitlich nicht so gut.“ Foto: Thomas Uhlemann 

Gefährlich wird es auf der sonst reibungslos verlaufenden Weltraum-Mission erst am Ende. Jähn und Bykowski treten mit der Kapsel Sojus-29 den Rückflug zur Erde an. Bei der Landung soll der Fallschirm der Kapsel kurz vor dem Aufprall weggesprengt werden, doch das Manöver misslingt. Ein Windstoß erfasst den Schirm und lässt die Kapsel über den Steppenboden Kasachstans schrammen. Im Innern überschlugen sich die Kosmonauten mehrfach. Jähn erleidet einen bleibenden Wirbelsäulenschaden.

Als sich der Kosmonaut von seinem Raumflug erholt hat, wird der Trubel für ihn zur nächsten Herausforderung. „Im Rampenlicht zu stehen, fand ich anstrengender als den Raumflug selber“, sagte er einmal.

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« Odpowiedź #3 dnia: Sierpień 30, 2018, 05:10 »
"Ich hatte einfach Glück" – Vor 40 Jahren flog Sigmund Jähn ins All
26.08.2018 09:45 Uhr , von Gudrun Janicke und Thomas Körbel, dpa

Als erster Deutscher sah der DDR-Bürger Sigmund Jähn vor 40 Jahren die Erde vom All aus. Auf die junge Raumfahrergeneration blickt er mit großem Respekt.


Glücklich zur Erde zurückgekehrt - die beiden Kosmonauten Waleri Bykowski (l.) und Siegmund Jähn, vor der Rückkehrkapsel des Raumschiffs Sojus 29. (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-T0905-107 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons )

An den Tag, der sein Leben verändern sollte, erinnert sich der deutsche Raumfahrtpionier Sigmund Jähn noch genau. "Angst, Angst hatte ich nie. Dann wäre ich blockiert gewesen", erzählt der heute 81-Jährige. Am 26. August 1978 startete der DDR-Bürger Jähn als erster Deutscher ins All. Vor 40 Jahren flog er vom sowjetischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan an Bord der Raumkapsel "Sojus-31" zur Orbitalstation Saljut 6. Erst 1983 folgte als zweiter Deutscher Ulf Merbold aus dem Westen.

Jähn macht sich nichts aus dem Fanrummel

Jähn, damals Jagdflieger der Nationalen Volksarmee in der DDR, hat sich bis heute das jungenhafte Lächeln bewahrt, das ihn auf Fotos von jenem Ereignis zeigt. Auch wegen seiner Bescheidenheit – er macht sich nichts aus dem Fanrummel – wird er nach wie vor verehrt.

"Ich bin aber kein Volksheld", sagt er immer. "Ich hatte einfach Glück. So schätze ich das ein", erzählt er von seiner Auswahl für den Flug. Eigentlich sollte ein anderer der erste DDR-Kosmonaut werden, aber aus gesundheitlichen Gründen sei die Wahl auf ihn gefallen. "Mich haben die Russen zum Kosmonauten gemacht. Da bin ich ihnen auch dankbar", erinnert er sich wenige Wochen vor seinem Jubiläum.

Die Startphase dauerte damals neun Minuten, die Rakete beschleunigte von 0 auf 28.000 Kilometer pro Stunde. In 12.200 Metern Höhe durchbrach sie die Schallmauer. Später wird von einem Bilderbuchstart gesprochen.

7 Tage im All, 125 Erdumrundungen

Mit seinem Kommandanten Waleri Bykowski dockte Jähn nach der 18. Erdumkreisung an der Raumstation Saljut 6 an. Im All war der gebürtige Vogtländer 7 Tage, 20 Stunden und 49 Minuten. 125 Mal umrundete die Besatzung in dieser Zeit die Erde. An Bord experimentierten Jähn und seine Kosmonauten-Kollegen. Sie stempelten aber auch Briefmarken ab.

Eine von Jähns zentralen Aufgaben war es, Fotos von der Erde mit einer speziellen Kamera zu schießen. Von da an ließ ihn die Sorge um die Zerbrechlichkeit des Planeten nicht mehr los. "Ich frage mich: Muss die Menschheit versuchen, sich mit Atomwaffen auszurotten?", sagt er. Skeptisch reagiert er auf Pläne, Menschen auf einen anderen Planeten umzusiedeln. "Erst den Planeten kaputt machen, dann umziehen: man weiß nicht, was man darüber denken soll", sagt er.

"Ich verwünsche an sich diese Welt von heute, die auf Kriegen aufbaut und sich gegenseitig beschimpft. Die Menschheit müsste eigentlich bald so weit sein, dass sie alle Waffen abschafft", betont er.

Im Juni kehrte Jähn noch einmal an den Ort zurück, von dem er vor 40 Jahren ins All flog. Das weiße Haar sorgfältig zurückgekämmt, stand er im grünen Pulli auf dem Startplatz Nummer 1 in Baikonur: Von dort war schon Weltraumpionier Juri Gagarin gestartet, er selbst und nun auch sein Freund, der deutsche Astronaut Alexander Gerst. Unprätentiös und unermüdlich beantwortete der 81-Jährige am Fuß der Rakete Fragen in fließendem Russisch.

Vorbereitungen sind heute zeitintensiver

Als er beim Raketenstart des viel jüngeren Gerst mitfieberte, kam Jähn aus dem Strahlen kaum heraus. Gerst war Anfang Juni zur Internationalen Raumstation (ISS) geflogen und soll dort Anfang Oktober als erster Deutscher das Kommando übernehmen. "Ich bewundere Gerst, weil er über den Dingen steht", sagt Jähn. Die Vorbereitung auf den Flug sei heute eine völlig andere als zu seiner Zeit. "Die vielen wissenschaftlichen Vorbereitungen, das ist zeitintensiver."

Doch die Gewöhnung an die Schwerelosigkeit etwa, das ist etwas, das bis heute jeder Raumfahrer erneut auf sich nehmen muss. Jähn denkt mit einem Schmunzeln daran zurück. Gerade in der Anfangsphase habe ihm die Schwerelosigkeit so manchen Streich gespielt, erzählt er. Am meisten habe ihn geärgert, wenn der Fotoapparat plötzlich wieder weg gewesen sei. "Der war ja auch schwerelos und war dann weg", erinnert er sich. "Das war natürlich ärgerlich, aber das war meine Dummheit."

Die Bewunderung wird ihm im Alter zu viel

Am 3. September 1978 landete Jähn wieder auf der Erde – und wurde als Held gefeiert. Bis heute hat Jähn viele Bewunderer. Fanpost versucht er immer noch selbst zu beantworten. Aber es wächst ihm langsam über den Kopf. "Als ich 80 wurde, kam der Briefträger mit einem großen Stapel von Briefen", sagt er. "Ich bin echt unter Druck geraten. Ich habe es nicht geschafft, wenigstens die Hälfte ordentlich – und wenn auch nur mit einem Dank – zu beantworten." Und wenn er sich bedanke, bekomme man noch einen Brief. "Meine Frau sagt: 'Das ist dein Kram.'"

Sieht er sich als Idol? "Ich habe mein Leben so gelebt, wie ich dachte, und versuche auch, diesen Anforderungen heute nachzukommen", sagt er. Manches werde ihm im Alter aber zu viel. Einladungen oder eben Briefe zum Beispiel.

Von Zeit zu Zeit gibt er immer noch Geschichten vom Alltag im All preis, die noch relativ unbekannt sind. Er sagt dann: "Das darf ich gar nicht erzählen. Aber ich sag es trotzdem." An Bord sei damals beispielsweise ein Kartenspiel mit den Bildern schöner Frauen gelangt. "Einer hatte das Spiel in der Hand, und jeder durfte eine Karte ziehen", erzählt er. Dann sei aufgedeckt worden. "Wer die Schönste hatte, hatte gewonnen", erklärt er lächelnd die simple Regel.

Im hohen Alter hält sich Jähn weiter fit, macht Gymnastik, geht regelmäßig schwimmen. "Ich fühle mich meinem Alter angemessen", sagt er. Er wohnt in Strausberg bei Berlin, in der Nähe der beiden Töchter. Gern sei er im Kreise der Familie mit sieben Enkeln und vier Urenkeln auf seiner Datscha in seinem Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz. "Dort fühle ich mich richtig zuhause."

Ursprung: "Ich hatte einfach Glück" – Vor 40 Jahren flog Sigmund Jähn ins All

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« Odpowiedź #4 dnia: Sierpień 31, 2018, 23:55 »
Mit Sigmund Jähn durch Baikonur
"Bisschen außerhalb der Vorschriften"
Spiegel, Sonntag, 26.08.2018   15:31 Uhr , Von Christoph Seidler

Vor genau 40 Jahren flog Sigmund Jähn ins All, als erster Deutscher. Im Osten war der Kosmonaut ein Held, im Westen lange fast unbekannt. Was denkt er heute über seine Mission? Ein Treffen an historischem Ort.


Sigmund Jähn am "Sojus"-Startplatz in Baikonur (im Juni 2018): Vor 40 Jahren flog der damalige Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee (NVA) von hier in den Weltraum - als erster Deutscher. Im Juni 2018 war er noch einmal in der kasachischen Steppe zu Gast, zum vermutlich letzten Mal in seinem Leben, wie der mittlerweile 81-Jährige an der Startrampe mit etwas Wehmut erklärte.

Es gibt gleich ein paar Plätze, an denen man sich dem Phänomen Sigmund Jähn nähern kann. Im Militärhistorischen Museum in Dresden zum Beispiel. Dort haben sie seine "Sojus 29"-Landekapsel ganz oben unter die Decke gehängt, nur alle Jubeljahre wird sie mal heruntergeholt. Diesem Ding - und dem harten Boden der kasachischen Steppe - verdankt Jähn einen lebenslangen Wirbelsäulenschaden nach einer harten Landung.

Die Bundeswehr präsentiert das Raumschiff ziemlich verschämt, weil Generalmajor Jähn einer der allerletzten Mitarbeiter der Nationalen Volksarmee der DDR war - also von der ehemaligen Konkurrenz, sozusagen. Hier scheint man nicht besonders stolz zu sein auf den ersten Deutschen im All.


Vor dem Start ins All (Archivbild): Neben Jähn zählten auch die NVA-Offiziere Eberhard Köllner, Rolf Berger und Eberhard Golbs zu den Kandidaten für einen Platz in der "Sojus". Dass die Wahl am Ende auf ihn fiel, sagt Jähn, sei "Glück" gewesen.

Als erster Deutscher flog Sigmund Jähn am 26. August 1978 mit der sowjetischen Kapsel "Sojus 31" ins All, sein Kommandant war der Russe Waleri Bykowski. Ziel des Fluges war die Raumstation "Saljut 6", die bereits von zwei Kosmonauten bewohnt war. Jähns Flug dauerte 7 Tage, 20 Stunden und 49 Minuten, er umkreiste 125 mal die Erde. Das Wissenschaftsprogramm umfasste neben dem Einsatz der Multispektralkamera "MKF 6" zur Erderkundung unter anderem Experimente zur Kristallzüchtung und medizinische Versuche. Jähn wollte später gern noch einmal fliegen, dafür forderte die Sowjetunion aber Westgeld. Erster Westdeutscher im All war Ulf Merbold, der Ende 1983 als erster Nicht-US-Bürger mit dem Space Shuttle flog. Nach der Wende bekam Jähn Hilfe durch Merbold, um als Berater für DLR und Esa in Russland zu arbeiten.


Jähn und Bykowski in Baikonur (Archivbild): Für die Sowjetunion war das "Interkosmos"-Programm erstens ein prima Propagandainstrument, das in einem Dutzend befreundeter Staaten für nette Schlagzeilen sorgte. Und zweitens bekam man in Moskau im Austausch wertvolle Technik, im Fall von Jähn die Multispektralkamera "MKF 6".

Im Archiv des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin-Adlershof kann man dem Mythos Jähn ebenfalls nachspüren. Man kann in alten Zeitungen stöbern, die Titelseiten bedruckt mit fetten roten Lettern ("Der erste Deutsche im All ein Bürger der DDR"), kann sogar eine echte "Ruhla"-Armbanduhr "Interkosmos" in die Hand nehmen. Von denen hatte Jähn bei seinem Flug vor genau 40 Jahren vier Exemplare mit auf der sowjetischen Raumstation "Saljut 6".


Auf der Startrampe (am 26. August 1978): Ziel des Fluges war die Raumstation "Saljut 6", die bereits von den Kosmonauten Wladimir Kowaljonok und Alexander Iwantschenkow bewohnt war. Diese beiden Raumfahrer waren 139 Tage im All, Jähn und Bykowski bei ihrem Flug nur knapp acht.

Hier kann man auch in den einst "Geheimen Verschlusssachen" blättern, in denen Jähns Einsatz minutiös geplant und nachbereitet wurde - inklusive seines Nachberichts: "Territorium der DDR war während der Fluges nicht auszumachen". Wer dabei die umfangreiche Dokumentation zum Wissenschaftsprogramm durchgeht, begreift , dass die knapp acht Tage des NVA-Jagdfliegers im All durchaus mehr waren als nur ein Propaganda-Auftritt - auch wenn das im Westen so dargestellt wurde.


Training für die Mission (Archivbild): Jähn wäre nach eigenem Bekunden gern auch ein zweites Mal ins All geflogen, dazu kam es jedoch nicht mehr. Die Sowjets erklärten sich nur bei Zahlung mit Devisen dafür bereit, die die DDR nicht aufbringen konnte.

Auch in der Deutschen Raumfahrtausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz, einem Ortsteil der sächsischen Gemeinde Muldenhammer im Vogtlandkreis, kann man Jähn und seinem Flug nahekommen. Hier, wo die zahlreichen Gäste unter anderem seine MiG 21 auf einem Betonsockel bestaunen können, ist er auf die Welt gekommen und zur Schule gegangen. In der Nähe, in Klingenthal, hat er Anfang der Fünfziger eine Ausbildung zum Buchdrucker gemacht.

Und hier hat er als Kind die sowjetischen Kriegsgefangenen im Sägewerk kennengelernt, als nette Menschen, wie er sagt. Später würde er einmal an der Militärakademie bei Moskau studieren. Auf eine Art ist Jähn immer dieser Junge aus Morgenröthe-Rautenkranz geblieben, den Russen freundschaftlich verbunden.


Fotoshooting vor dem Start (im August 1978): Der Westen spottete damals über den Flug. Der SPIEGEL rüffelte etwa die "naive Freude" der DDR-Führung über die Mission und wies darauf hin, dass Jähn trotz einiger Experimente "noch kein Wissenschaftler ist".

Oder aber man trifft Jähn selbst - und zwar an einem Ort, der sein Leben am meisten geprägt hat: am Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan. Von hier ist er am 26. August 1978 mit seinem sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski zusammen abgehoben, an der Spitze einer "Sojus"-Rakete. Und hier ist Jähn im Juni dieses Jahres noch einmal zu Gast. Zum vermutlich letzten Mal in seinem Leben, wie der mittlerweile 81-Jährige an der Startrampe mit etwas Wehmut erklärt.

Jähn ist hier, um den Start des deutschen Esa-Astronauten Alexander Gerst zur Internationalen Raumstation zu verfolgen. Gerst bezeichnet Jähn als Freund, hat ihn persönlich eingeladen, schon zum zweiten Mal. Der Raumfahrt-Veteran genießt das. Er genießt auch die Chance, sich zu erinnern.


Jähn (li.) und Bykowski (re.) kurz vor ihrem Flug (am 23. August 1978): Was ihn überhaupt an einem Flug ins All gereizt habe? Nun, sagt Jähn, er sei schließlich Jagdflieger gewesen. "Da ist man durchaus geneigt, eine stärkere Maschine fliegen zu wollen. Wer die Chance hat, eine Rakete zu besteigen, der hat eben Glück gehabt."

Zum Gespräch ist er ins Hotel "Zentralnaja" Platz genommen, direkt am Hauptplatz von Baikonur. Gegenüber liegen die hiesigen Büros der russischen Weltraumagentur Roskosmos, deren "Sojus-Kapseln derzeit der einzige Weg für Menschen ins All sind.

Klein, sehr klein ist der Mann, der da im wuchtigen braunen Kunstledersessel sitzt, die verbliebenen Haare längst schlohweiß. Jähn spricht nicht laut, entschuldigt sich manchmal beinahe, wenn er auf Fragen antwortet. Diese Bescheidenheit, wenn es um seine historische Mission geht, sie ist bereits in Interviews aus der DDR-Zeit zu bemerken. Sie war schon immer sein Markenzeichen.


Nach der Landung (am 03. September 1978): Beim harten Aufsetzen, vor allem weil sich der Fallschirm anschließend nicht löste und die Kapsel über den harten Steppenboden geschleift wurde, hat sich Jähn einen Wirbelsäulenschaden zugezogen.

Ein Held wollte Jähn nie so recht sein. Weder im Osten, wo sie doch so großes Interesse an einem Helden hatten, noch im Westen, wo sich erst jahrelang niemand für ihn interessierte - und wo er inzwischen längst auch dicke Stapel an Fanpost bekommt. Vielleicht auch weil ihn ein Schauspieler im Film "Good Bye, Lenin!" als Staatspräsidenten einer fiktiven DDR verkörpert hat.


Raumkapsel "Sojus 29" im Militärhistorischen Museum in Dresden (Archivbild): Die Bundeswehr präsentiert das Landegerät ziemlich verschämt unter der Decke hängend, weil Generalmajor Jähn einer der allerletzten Mitarbeiter der Nationalen Volksarmee der DDR war - also von der ehemaligen Konkurrenz, sozusagen.

"Ich hatte einfach Glück", sagt Jähn, wenn man ihn auf seine Auswahl aus vier Kandidaten für den Platz der DDR im Interkosmos-Programm der Sowjetunion anspricht. Er sei auch gar nicht die ursprüngliche Nummer eins der Liste gewesen "Mich haben die Russen zum Kosmonauten gemacht. Da bin ich ihnen auch dankbar." Gesundheitliche Gründe hätten dafür eine Rolle gespielt und die Ergebnisse bei den Tests im Training.


Jähn und Bykowski bei einem öffentlichen Auftritt in Berlin (im September 1978): Ein Held wollte Jähn nie so recht sein. Weder im Osten, wo sie doch so großes Interesse an einem Helden hatten, noch im Westen, wo sich erst jahrelang niemand für ihn interessierte. Doch inzwischen bekommt er dicke Stapel an Fanpost aus ganz Deutschland.

Was ihn überhaupt an einem Flug ins All gereizt habe? Nun, sagt Jähn, er sei schließlich Jagdflieger gewesen. "Da ist man durchaus geneigt, eine stärkere Maschine fliegen zu wollen. Wer die Chance hat, eine Rakete zu besteigen, der hat eben Glück gehabt."

Für Jähn war der Flug Glück. Für die DDR-Führung war er ein Beleg dafür, auch im Weltraum auf Weltniveau zu sein - und allemal schneller als der Westen. Für die Sowjetunion wiederum war das "Interkosmos"-Programm erstens ein prima Propagandainstrument, das in einem Dutzend befreundeter Staaten für nette Schlagzeilen sorgte. Und zweitens bekam man in Moskau im Austausch wertvolle Technik, im Fall von Jähn die Multispektralkamera "MKF 6". "Sie war damals der große Schlager für uns, für die DDR", sagt Jähn. "Die Zeiss-Leute haben sie entwickelt und sie hat hervorragend funktioniert."


Weltraum-Kollegen Jähn (li.) und Merbold (re.): Beide Männer kamen nur wenige Kilometer entfernt voneinander auf die Welt, machten aber auf unterschiedlichen Seiten der Mauer Karriere. Merbold verließ die DDR und flog 1983 als erster Nicht-US-Bürger mit dem Space Shuttle. Nach der Wende half er Jähn, als Berater für DLR und Esa in Russland zu arbeiten.

Wie war es denn aber nun im All? Was war das Schönste? "Die Momente, die so ein bisschen außerhalb der Vorschriften liefen", sagt Jähn und schmunzelt. Als Kommandant Wladimir Kowaljonok ihn und Bykowski zum Beispiel auf dieses geheimnisvolle Objekt hinwies, das die Station immer zu begleiten schien. "Wir wussten tagelang nicht, wo wir diese Erscheinung hintun sollten", so der Kosmonaut. Später dann die Auflösung: Keine Aliens schwebten vor dem Fenster, kein amerikanischer Spionagesatellit - sondern der Abfall von "Saljut 6", durch die Luftschleuse nach draußen befördert in einem Eimer.

Oder die Sache mit den Spielkarten, die der Kommandant von der Erde mitbekommen hatte. "Mit schönen Frauen, sage ich mal." Jeder der vier Männer durfte eine ziehen. Und dann war das Spiel auch schon wieder vorbei. "Wer die Schönste hatte, der hatte gewonnen", erinnert sich Jähn.

Küsschen, Küsschen

Wer den Kosmonauten in Baikonur begleitet, staunt, wie bekannt er dort bis heute ist. Los geht es schon bei der Einreise - als ihn der Grenzer begeistert anspricht. Ähnlich läuft es auch an der "Sojus"-Startrampe "Sojus", wo ein Ingenieur den Alt-Raumfahrer sieht, ihn erst mit einem Schutzhelm versieht und dann hinter die Absperrung zum Unterbau der Rakete mitnimmt. Jähn hat nicht darum gebeten, freut sich aber selbstverständlich über die Exklusiv-Führung. Er gehört, so muss es sich für ihn anfühlen, hier noch immer dazu.

Wenig später fragt er dann doch einmal. Als jemand aus dem DLR-Management gern in den Raum des Kosmodroms möchte, in dem Gerst und seine Kollegen kurz vor dem Start in ihre Raumanzüge steigen. Nur handverlesene Gäste dürfen dort hinein. Jähn spricht mit den Russen - und macht die Sache klar. Man weiß hier eben, mit wem man es da zu tun hat.


Jähn (mi.) mit Kosmonautenkollegen Sergej Zalyotin (li.) und Juri Lontschakow (re.) in einem originalen Trainingsmodul der Weltraumstation "Mir" (im Mai 2003): Das Modul gehört zur Deutschen Raumfahrtausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz, einem Ortsteil der sächsischen Gemeinde Muldenhammer im Vogtlandkreis. In dem Ort ist Jähn auf die Welt gekommen.

Und noch einmal wird er erkannt. Walentina Tereschkowa, wie Jähn 81 und erste Frau im All, ist auch nach Baikonur gekommen. Eine beeindruckende Erscheinung, drückt sie den schmalen Kosmonautenkollegen sofort an die Brust, als sie ihn sieht. Küsschen, Küsschen.

Und was ist mit all dem Gespött, das im Westen über seinen Flug damals hat hören müssen? So hatte auch der SPIEGEL einst die "naive Freude" der DDR-Führung über die Mission gerüffelt, darauf hingewiesen, dass Jähn trotz einiger Experimente "noch kein Wissenschaftler ist" - und so weiter. "Da war viel Politik dabei", sagt Jähn entspannt. "Da muss man nicht sich den Schlaf versauen."

Ursprung: "Bisschen außerhalb der Vorschriften"

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« Odpowiedź #5 dnia: Sierpień 31, 2018, 23:58 »
Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All
Kosmo-Siggi (1)
Donnerstag, 23.08.2018  14:48 Uhr , Gerhard Kowalski

Einmal Weltall und zurück: Das gelang Sigmund Jähn als einzigem Kosmonauten der DDR. Gerhard Kowalski schrieb 1978 als Journalist über den Start - und musste seine Reportage schon sechs Wochen vorher abgeben.


Bykowski und Jähn im Kosmonautenausbildungszentrum "Juri Gagarin" im "Sternenstädtchen" bei Moskau beim Training in einem "Sojus"-Modell. Hier wurde die Bedienung der komplizierten Technik x-mal geübt, bis jeder einzelne Handgriff fehlerfrei saß

Gerhard Kowalski, geboren 1942 in Rathenow/Havel, war von 1966 bis 2007 Redakteur und Auslandskorrespondent der einstigen offiziellen DDR-Nachrichtenagentur ADN und ihrer Nachfolger. Seither arbeitet er als freier Raumfahrtjournalist und ist unter anderem Autor von Büchern über Juri Gagarin.


Pünktlich und problemlos hob die "Sojus"-Rakete am 26. August 1978 in Baikonur ab. Mit Sigmund Jähn und seinem sowjetischen Kommandanten Walerij Bykowski an Bord bohrte sie sich ohrenbetäubend donnernd in den kasachischen Abendhimmel. Mir fiel ein großer Stein vom Herzen. Kurz darauf lief meine Startreportage in der ADN-Zentrale im fernen Berlin über den Ticker. Ich hatte sie schon sechs Wochen vorher abliefern müssen und darin geschrieben: "Wsjo normalno - alles in Ordnung. Pojechali - auf geht's!" Und so war es glücklicherweise auch.

Die Ost-Berliner glaubten an diesem Samstagabend ihren Augen nicht zu trauen, als auf einem Extrablatt des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland" in großen roten Lettern stand: "Der erste Deutsche im All ein Bürger der DDR". Diese Schlagzeile, die am nächsten Tag DDR-weit unisono alle Zeitungen wiederholten, war eine faustdicke Überraschung. Denn offiziell war immer nur von "Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik" die Rede - als Gegenpol zu den "Bürgern der BRD". Nun war man plötzlich auch Deutscher. Allerdings hatte niemand Gelegenheit, sich an die neue Bezeichnung zu gewöhnen: Sie verschwand bald wieder, als hätte es sie nie gegeben.


Das erste Interview: Das sowjetische Fernsehen durfte am 3. September 1978 nach der Landung das erste Interview mit Sigmund Jähn (links) und Walerij Bykowski führen. TV-Reporter Sascha Tichomirow befragte die Kosmonauten nach ihrem Befinden. Im Hintergrund links der Reporter des DDR-Fernsehens und rechts des DDR-Rundfunks

Die ungewöhnliche Schlagzeile war mir bereits Ende Mai begegnet. Drei Monate vor dem Flug bekam ich als Reporter der staatlichen Nachrichtenagentur ADN den Auftrag zu einem umfangreichen Dossier über Sigmund Jähn und Eberhard Köllner. Als Auftraggeber und Dienstherr der beiden Oberstleutnante vergatterte mich das Verteidigungsministerium zum absoluten Stillschweigen.

Absurde Geheimniskrämerei

Ich war der einzige schreibende Journalist in der Runde und erhielt die damals übliche Argu (Argumentation) mit den Kernthesen: Der Flug sei ein "historisches Ereignis von hoher politischer und wissenschaftlicher Bedeutung" in Vorbereitung des 30. DDR-Jahrestags, der "erste Deutsche im All ein Bürger der DDR". Der Flug verkörpere die "brüderliche Verbundenheit sowie die unverbrüchliche Freundschaft und Waffenbrüderschaft mit der UdSSR" und bedeute, dass "der Wettbewerb mit der kapitalistischen BRD auf diesem Gebiet gewonnen" werde.


Sigmund Jähn hantiert in der Raumstation Salut 6 mit den Kassetten der Multispektralkamera MKF-6. Sie war der wissenschaftliche Hauptbeitrag der DDR zu dieser gemeinsamen Mission. Insgesamt umfasste das Programm 21 Experimente.

Warum gerade der 30. Jahrestag der DDR als Legende herhalten musste, ist mir bis heute schleierhaft. Denn der stand ja erst am 7. Oktober 1979 an, gut ein Jahr später. Auch die strenge Geheimhaltung war absurd, weil alle meine Gesprächspartner Bescheid wussten, aber augenzwinkernd mitspielten. Schon 1976 hatte man das Interkosmos-Programm beschlossen, und die Sowjetunion gemeinsame Raumflüge mit ihren neun sozialistischen Verbündeten vereinbart.

Die UdSSR stellte dafür Raumschiffe und die "Saljut"-Station bereit. Die Partner steuerten, kostensparend für die Sowjets, hochkarätige Wissenschaftsprogramme bei, die DDR etwa die Multispektralkamera MKF-6. Nachdem im März 1978 die CSSR als erstes Land mit einem Kosmonauten an der Reihe war, pfiffen alle Spatzen von den Dächern, dass bald auch die DDR kommen würde.

Auf den Spuren zweier Phantome

Zwei Presseoffiziere in Zivil gingen mit mir auf eine wochenlange Interviewtour. Das Ziel: ein Dutzend Einzelbeiträge über Leben, Wirken und Familie der beiden Kandidaten, von denen ich lediglich die Namen wusste. Die durften allerdings im Text nicht auftauchen. Stets war nur von Kandidat A und Kandidat B die Rede, wobei mir schnell klar wurde, dass Jähn die Nummer eins war, was sich dann ja auch bestätigte.


Sigmund Jähn und der Kommandant der Salut 6-Station, Wladimir Kowaljonok, vor DDR-Devotionalien. Jähn hatte unter anderem auch das Kommunistische Manifest und das DDR-Sandmännchen dabei.

Die erste Station war ein Besuch im Jagdfliegergeschwader "Fritz Schmenkel" in Cottbus, um den Alltag eines Jagdfliegers und die Flugausbildung zu schildern. Die Kameraden der Kosmonautenkandidaten lobten, wie nicht anders zu erwarten, deren fachliche, politische und menschliche Qualitäten über den grünen Klee. Mit Mühe entlockte ich ihnen einige knappe Aussagen, die Jähn und Köllner als halbwegs normale Menschen mit mehr oder weniger großen Schwächen zeigten. So konnte ich einen von Jähns Fluglehrern, einen Oberst, mit den Worten zitieren, seinem Schützling sei "nicht immer alles leichtgefallen", er habe sich "jedes Stück seines Weges hart erarbeiten müssen".

Der ehemalige Lehrmeister von Eberhard Köllner sagte mir direkt, dass es um einen Raumflug gehe, nicht um den DDR-Geburtstag. Außerdem habe "Ebs" (Köllners Spitzname) schon wegen seines Namens keine Chance - dass ein DDR-Bürger namens "Köllner" ins All geschickt werde, könne er sich nicht vorstellen. Auf die Nationale Volksarmee (NVA) war der Meister gar nicht gut zu sprechen, weil sie ihm einen guten Gesellen abgeworben hatte.


Mein schönstes Souvenir: Jähns Rakete auf der Hand von einestages-Autor Gerhard Kowalski, vor 40 Jahren beim Raketenstart in Baikonur dabei. In einem unbeobachteten Moment stieg er in den riesigen Abgaskanal. Das Foto mit seiner Amateurkamera machte heimlich der ADN-Fotograf Klaus Franke.

Auch die Befragung von Köllners Vater verlief nicht wie erwartet. Normalerweise kamen hochrangige DDR-Kader offiziell immer aus einem "klassenbewussten Elternhaus" und beherrschten den Parteisprech. Doch der Invalidenrentner ärgerte sich nur lautstark darüber, dass "die Russen" nicht beide Kandidaten fliegen ließen.

Jähns Vater Paul befragte ich in Anwesenheit von Schwiegertochter Erika und Enkelin Grit in einer Interflug-Sondermaschine, die ihn ins Sternenstädtchen bei Moskau bringen sollte. Er war sich sicher, dass sein Sohn und kein anderer fliegen werde. Der alte Herr mit Nickelbrille, Vogtlandhut und verschmitztem Blick genoss es sichtlich, nun Kosmonautenvater zu sein, den man künftig nicht mehr so abfällig behandeln konnte, wie es einige Bewohner des Dorfes Morgenröthe-Rautenkranz bis dato taten. Einen "tollen Kerl" habe er großgezogen, schwärmte Paul Jähn: "Ich fühle mich sehr gut, dass mein Sohn die Möglichkeit erhalten hat, eine solche Aufgabe auszuführen. Das ist prima, herrlich ist das!"


Abschied von Salut 6: Nach dem Abkoppeln schoss Sigmund Jähn von Bord des Raumschiffs Sojus 29, mit dem er und Bykowski zur Erde zurückgekehrt sind, diese Aufnahme von der Raumstation "Salut" 6 mit dem angekoppelten Raumschiff "Sojus" 31 (rechts), das sie auf die Umlaufbahn gebracht hatte.

Die größte Herausforderung war für mich die Startreportage, die ich aus unerfindlichen Gründen bereits Anfang Juli abliefern musste, obwohl ich noch nie auf dem Kosmodrom war. Zugute kam mir, dass ich als ADN-Korrespondent in Moskau 1975 bereits das Sojus-Apollo-Testprojekt (die erste Begegnung amerikanischer und sowjetischer Raumfahrer auf der Umlaufbahn) und danach den Jungfernflug der DDR-Multispektralkamera MKF-6 gecovert hatte.

Die erste Begegnung mit Jähn

Wenige Tage vor dem Start bekam ich endlich die Kosmonauten persönlich zu Gesicht. Jähn, Köllner saßen mit ihren Kommandanten Walerij Bykowski und Wiktor Gorbatko beim Frühstück im Hotel Kosmonawt in Baikonur. "Alles normal", antworteten sie auf meine Frage nach dem Befinden. Eigentlich hatte ich befürchtet, auf einen zackigen "Roten Preußen" zu treffen, dem die Parteitagsparolen nur so aus dem Mund sprudeln. Und nun stand ich vor einem eher schüchtern wirkenden Mann mittleren Alters von kräftiger Statur mit einem sympathischen Lächeln.


"Sojus" 29 kurz vor der Landung am 3. September in der kasachischen Steppe bei der Kupferstadt Dscheskasgan. Da es nicht gelang, rechtzeitig den Fallschirm auszuklinken, wurde die Landekapsel vom heftigen Wind nach dem Aufsetzen noch viele Meter durch die Steppe geschleift. Sie überschlug sich dreimal. Dabei zog sich Sigmund Jähn eine bleibende Rückenverletzung zu, die lange Zeit verschwiegen wurde.

Unser künftiger Nationalheld Sigmund Jähn war offenbar eher ein bodenständiger Mann aus dem Volk als ein sozialistischer Musterknabe, ich war erleichtert. Erst viele Jahre danach erfuhr ich, dass Jähn gar nicht die erste Wahl der DDR-Führung war; den ursprünglich vorgesehenen Offizier hatten aber die Sowjets nicht akzeptiert, weil er kaum Russisch sprach.

Als Jähn und Bykowski am Abend des 26. August auf der Startrampe eintrafen, standen Köllner und ich etwas abseits und verfolgten das Abschiedszeremoniell. Köllner bat mich mit Tränen in den Augen um eine Zigarette, die ich ihm als Nichtraucher nicht geben konnte. Ein Kollege half aus. Von der Zuschauertribüne knapp zwei Kilometer von der Startrampe entfernt erlebten wir, wie Jähn kurz vor dem Abheben eine lange politische Botschaft aufsagen musste, die ihm mehr Konzentration abverlangte als die gesamten Startvorbereitungen, wie er später verriet.


Bykowski und Jähn kurz vor dem Start auf der sogenannten Gagarinschen Rampe in Baikonur. Raumschiffkommandant Bykowski meldet dem Vorsitzenden der Staatlichen Kommission für die bemannten Flüge die Startbereitschaft der Mannschaft. Von derselben Rampe war Juri Gagarin am 12. April 1961 als erster Mensch in den Weltraum geflogen.

Zu später Stunde trafen sich die DDR-Journalisten im Hotel zu einer kleinen Feier. Es gab keine großen Reden, aber eigens eingeflogene Halberstädter Würstchen und Nordhäuser Doppelkorn. Heimlich versorgten wir damit auch die sowjetischen Kollegen, die nicht eingeladen waren und in einem anderen Raum bei Selbstgebranntem, Speck, Zwiebeln und Gurken saßen. Beim Rückflug nach Moskau revanchierten sie sich tags darauf mit einem Schlückchen 96-prozentigen Raketentreibstoffs als "Weltraumtaufe".

Landung mit dreifachem Überschlag

Am 3. September verfolgte ich dann mit Kollegen von einem Hubschrauber aus die Landung von Bykowski und Jähn in der kasachischen Steppe bei Dscheskasgan. Wegen der riesigen Staubwolke sahen wir nicht, dass sich die Landekapsel dreimal überschlug, wobei sich Jähn eine bleibende Rückenverletzung zuzog, die natürlich geheim blieb.


Nach der Landung signieren Bykowski und Jähn die rußgeschwärzte Landekapsel. Jähn schreibt: "Herzlichen Dank!" - und dann 3.8.1978 statt 3.9.1978. Nach der Korrektur mussten alle Foto- und Filmaufnahme wiederholt werden. Der charmante kleine Patzer blieb unerwähnt.

Etwas verwirrt schrieb er dann ein falsches Landedatum an die Kapsel, sodass alle Film- und Fotoaufnahmen wiederholt werden mussten. Darüber, wie auch über seinen ersten Enkel, kurz vor dem Start geboren, durfte nicht berichtet werden, obwohl wir Jähn noch am Landeort Fotos seines Enkels zeigten. Ein Held als Opa, das ging offenbar nicht.

Schon zwölf Jahre nach dem Flug gab es die DDR nicht mehr. Mit ihrem Untergang sei sein Lebenstraum zerstört worden, sagt noch heute Jähn, der in der Wendezeit als NVA-General entlassen wurde. Als Treppenwitz deutsch-deutscher Geschichte erweist sich, wie Jähn im geeinten Deutschland wieder Fuß fassen konnte - nämlich mithilfe von Ulf Merbold, zweiter Deutscher im All, DDR-Republikflüchtling und vogtländischer Landsmann. Jähn wurde Berater des heutigen Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Europäischen Weltraumorganisation ESA. So half er fünf der inzwischen elf deutschen Raumfahrer und mehreren Astronauten aus anderen Staaten auf ihrem Weg mit den Russen ins All.

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« Odpowiedź #6 dnia: Sierpień 31, 2018, 23:58 »
Kosmo-Siggi (2)


Die Kosmonauten beim Überlebenstraining für den unwahrscheinlichen Fall einer Wasserlandung auf einem Stützpunkt auf der Krim.


Die Rückkehr von Jähn und Bykowski ins "Sternenstädtchen". Links der Deutsche mit Frau Erika und Tochter Grit, rechts der Russe mit Frau Walentina und Sohn Sergej. Zur Begrüßung war auch eine Delegation von ausgwählten Vertretern der DDR-Bevölkerung eingeflogen worden.


Die beiden Kosmonauten posieren für die Medien vor ihrer Landekapsel. Die liegt nach den Überschlägen auf der Seite. Links ist die Einstiegsluke zu sehen. Im Idealfall landen die Kapseln stehend, sodass die Raumfahrer von den Bergungsmannschaften nach oben aus der Kapsel gezogen werden müssen und auf einer Rutsche zu Boden gleiten.


Diese DDR-Briefmarke zeigt die Fahnen der ersten vier Länder, die im Rahmen des Interkosmos-Programms mit der UdSSR in den Weltraum geflogen sind: Tschechoslowakei, Polen, DDR und Bulgarien. Danach folgten noch Ungarn, Vietnam, Kuba, die Mongolei und Rumänien.


Empfang der Kosmonauten durch Egon Krenz, der damals 1. Sekretär des DDR-Jugendverbands FDJ war und später in der Wendezeit kurz auch Nachfolger Erich Honeckers. Jähns Flug sollte vor allem die junge Generation für die DDR-Politik begeistern.


Extrablatt des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland": Da Jähns Start erst in den Abendstunden des 26. August 1978 stattfand, hatte man noch schnell ein paar Exemplare gedruckt und auf dem Berliner Alexanderplatz, den Bahnhöfen und vor Theatern verteilt. Zudem wurden DDR-weit die Druckmaschinen angeworfen, obwohl sonst sonntags keine Zeitungen erschienen.


Bei ihrer Rundreise durch die DDR besuchten Jähn und Bykowski auch Dresden. Wie überall im Land wurden sie von den Menschen freudig begrüßt. Die Begeisterung war diesmal echt. Die Leute kamen freiwillig, sodass sie nicht wie bei anderen Ereignissen gezwungen werden mussten, an den Straßen ein Spalier zu bilden.


Jähns Ersatzmann Eberhard Köllner und sein Kommandant Wiktor Gorbatko zusammen mit Bykowski und Jähn vor einem Lenin-Denkmal. Solche Fotos gehörten damals zu den Pflichtübungen. Auch heute noch kann das vorkommen. Zumeist posieren die ISS-Besatzungen, zu denen stets auch ein Amerikaner gehört, aber vor einem Gagarin-Denkmal.


Die Familien Jähn und Bykowski im Moskauer Sokolniki-Vergnügungspark. So sollte demonstriert werden, dass durch die gemeinsamen Raumflüge auch die Familien beider Kosmonauten zusammenwachsen.


Sigmund Jähn mit seinem Vater Paul, einem Waldarbeiter. Als der erfuhr, dass sein Sohn in den Weltraum fliegen sollte, begann er, Artikel und Literatur über den Kosmos zu sammeln. Außerdem schaffte er sich eine alte Schreibmaschine an und tippte darauf Notizen. Jähns schwerkranke Mutter Dora war in dieser ganzen Zeit in einer Klinik. Er hat ihr aber dort bei seiner Rundreise am Krankenbett einen langen Besuch abgestattet, während die Pressemeute vor der Klinik mit vogtländischen Spezialitäten verwöhnt wurde.


Die Multispektralkamera MKF-6 aus dem VEB Kombinat Carl Zeiss Jena, im Volksmund auch Multispektakelkamera genannt. Premiere hatte sie 1976 an Bord eines "Sojus"-Raumschiffes, das ebenfalls von Bykowski gesteuert wurde. In "Saljut" 6 gehörte die Kamera zur Standardausrüstung. Mit einer verbesserten Version entstanden Aufnahmen von der Erde, die offiziell zu wissenschaftlichen und volkswirtschaftlichen Zwecken dienten. Zudem hatte die Kamera auch strategische Bedeutung, was wohl letztlich dazu führte, dass die DDR sie nicht gegen harte Devisen vermarkten durfte.


DDR-Journalisten vor dem Eingang zum Hotel Kosmonawt in Baikonur. Unweit des Hotels gibt es am Syrdarja-Hochufer eine Allee aus Bäumen, die von den sowjetischen und anderen Raumfahrern gepflanzt wurden. Hier steht auch der Baum von Sigmund Jähn.


Der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker zeichnet Sigmund Jähn in Berlin für die "ehrenvolle Erfüllung" seiner Mission aus (21. September 1978). Jähn erhielt den Karl-Marx-Orden sowie die Ehrentitel Fliegerkosmonaut der DDR und Held der DDR aus. Bykowski bekam ebenfalls den Karl-Marx-Orden und den Ehrentitel "Held der DDR". Dann sagte Honecker: "Der Heldenmut der Kosmonauten beflügelt unsere Bürger zu neuen Taten für die sozialistische Gegenwart und kommunistische Zukunft unseres Volkes." Zwölf Jahre später war die DDR Geschichte.


Begrüßung von Jähn und Bykowski in Morgenröthe-Rautenkranz, dem vogtländischen Geburtsort des deutschen Kosmonauten. Junge Pioniere überreichen, wie immer, Blumen. Heute zieht hier die Deutsche Raumfahrtausstellung jedes Jahr Zehntausende Besucher an. Die Ausstellung ist kein Jähn-Museum, obwohl sie ihm eine eigene Abteilung widmet, sondern gibt mit ihren zahlreichen hochwertigen Exponaten, darunter auch ein Modell der russischen Raumstation "Mir" in Originalgröße, einen Überblick über den aktuellen Stand der internationalen Raumfahrt.


Sigmund Jähn in einer sowjetischen MiG 21F-13 im damaligen Marxwalde. Hier hat Jähn viele Jahre bei den Luftstreitkräften gedient. Heute heißt der Ort Neuhardenberg. Eine MiG wie auf dem Bild steht vor der Ausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz, wo der Kosmonaut eine kleine Jagdhütte besitzt, in die er sich gern zurückzieht.


Nach seinem Flug, mit dem die DDR das fünfte Land der Erde mit einem eigenen Kosmonauten und er selbst der 90. Raumfahrer der Welt wurde, wurde Jähn Leiter des Zentrums für Kosmonautenausbildung der DDR. Einen zweiten DDR-Kosmonauten konnte er aber nicht präsentieren. Denn die Sowjets verlangten selbst für den Flug seines Doubles Eberhard Köllner sieben Millionen Dollar, die die DDR nicht aufbringen konnte oder wollte.


Dieses Denkmal errichtete die Gemeinde Morgenröthe-Rautenkranz für ihren großen Sohn. In der Inschrift ist schon nicht mehr vom ersten Deutschen im All die Rede, sondern vom ersten Kosmonauten der DDR.

Ursprung: Kosmo-Siggi

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« Odpowiedź #7 dnia: Wrzesień 02, 2018, 14:23 »
VOR 40 JAHREN GING'S INS ALL: SIGMUND JÄHN, DER GRÖSSTE HELD DER DDR
VOGTLÄNDER SIGMUND SCHRIEB IM AUGUST 1978 GESICHTE
26.08.2018 Von Pia Lucchesi

Morgenröthe-Rautenkranz - Der Vogtländer Sigmund Jähn (heute 81) aus Morgenröthe-Rautenkranz war der erste Deutsche im All. Heute vor 40 Jahren, am 26. August 1978, startete er in der sowjetischen Sojus 31 zusammen mit Waleri Fjodorowitsch Bykowski zur sowjetischen Raumstation Saljut 6.


Sigmund Jähn war der erste Deutsche im All. 41 Jahre war er alt, als er mit seinem sowjetischen Kollegen Valerij Bykowski am 26. August ins All flog.

Sein Flug dauerte 7 Tage, 20 Stunden, 49 Minuten und 4 Sekunden. 125 Mal umkreiste er den blauen Planeten. Nach seiner Rückkehr auf die Erde war für den früheren NVA-Jagdflieger nichts mehr wie zuvor. Und auch die Welt hatte sich verändert.

Kaum war der lange Feuerschweif der Sojus-Rakete am Himmel erloschen, da brachte das "Neue Deutschland" eine vorbereitete Sonderausgabe heraus.

Das Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands titelte: "Der erste Deutsche im All, ein Bürger der DDR". Die klare Botschaft ans Volk: Schaut her, wir haben dem anderen Deutschland jenseits der Mauer den Rang abgelaufen.

Die unsanfte Landung am 3. September 1978 in der kasachischen Steppe, bei der sich der Vogtländer so sehr an der Wirbelsäule verletzte, dass ihn bis heute ein Rückenleiden plagt, fand später in der staatlichen Presse keine Erwähnung.

Dass Jähn in seiner irdischen "Abwesenheit" ein Enkel geboren worden war, wurde auch verschwiegen. Die Intention dahinter war klar: Dieser Sieg des Sozialismus sollte perfekt strahlen. Ein "Opa" passte da nicht ins Bild.

Als Jähn seinen Fuß auf die Erde setzte, war er ein Held


Der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker heftete Sigmund Jähn den Karl-Marx-Orden an. Zudem erhielt er den Titel "Held der Deutschen Demokratischen Republik".

In dem Moment, als Sigmund Jähn seinen Fuß wieder auf die Erde setzte, war er ein Held. Der größte, den die kleine DDR wohl jemals gehabt hatte.

Die DDR-Führung unter Erich Honecker schlachtete seinen Weltraumflug gewaltig aus. Sondersendungen im Fernsehen erklärten die Mission und betonten dabei stets die Leistungsfähigkeit der russischen Raumfahrt-Technik und die innige Freundschaft zwischen UdSSR und DDR.

Der frühere NVA-Jagdflieger wurde in der gesamten Republik herumgereicht wie eine Trophäe. Man überhäufte ihn mit Orden und Ehrenbürgerschaften, schickte ihn auf Rundreisen und Empfänge.

Sein Gesicht prangte auf Plakaten, Briefmarken und Gedenkmünzen. Schulen, Kindergärten und andere öffentliche Einrichtungen wurden nach ihm benannt.

Sigmund Jähn eroberte die Herzen der Menschen im Sturm


Heldenverehrung: Der Maler Paul Michaelis aus Dresden schuf 1980 ein Ölgemälde des Raumfahrers.

Die Herzen der einfachen Menschen eroberte der Raumfahrer im Sturm. Stets trat der gelernte Buchdrucker bescheiden und freundlich auf. Redakteur Thomas Nahrendorf erinnert sich noch lebhaft an den Spätsommer 1978: "Ich war als Fünfjähriger dabei. Meine Oma wohnte in Beerheide, einem Ortsteil von Auerbach." Sie sagte damals: "Kumm, Gung. Mir zenne uns ah un genne emol zengstdingenei zen Sigmund.“ Auf Deutsch: Komme, Junge. Wir ziehen uns an und gehen mal zum Sigmund.

Nahrendorf: "Da stand ich nun in Morgenröthe, in der linken Hand eine Arbeiterfahne, rechts die DDR-Fahne, und jubelte dem Weltraumhelden zu."

Zur Raumfahrt haben die Vogtländer bis heute eine ganz besonders herzliche Beziehung. Thomas Nahrendorf: "Die Vogtländer sind stolz auf unsere beiden Raumfahrer. Sigmund Jähn und Ulf Merbold. Der eine aus Morgenröthe, der andere aus dem 45 km entfernten Greiz. Da Merbold aber als BRD-Bürger ins All flog, durften wir ihm nicht zujubeln. Sigmund schon."

Sigmund Jähn ist der Rummel um seine Person nie zu Kopf gestiegen. Er ist bodenständig geblieben, lebt heute in Strausberg bei Berlin. Obwohl ihn die DDR für ihre Propaganda missbrauchte, steht er bis heute zu der untergegangenen Republik, der er seinen kometenhaften Aufstieg zu verdanken hat. Er blickt in aktuellen Interviews ohne Groll zurück.


Tausende Ostberliner jubelten am 21. September 1978 auf der Karl-Marx-Allee Sigmund Jähn und Waleri Bykowski bei einer Parade zu. Im offenen Wagen hatte sich Erich Honecker zwischen die Kosmonauten gedrängt.


Vom russischen Weltraumflughafen Baikonur aus startete auf den Tag genau vor 40 Jahren Sigmund Jähn seine Weltraum-Mission.
Fotos: DPA, Imago

Ursprung: VOR 40 JAHREN GING'S INS ALL: SIGMUND JÄHN, DER GRÖSSTE HELD DER DDR

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« Odpowiedź #8 dnia: Wrzesień 11, 2018, 22:59 »
Ja, Sigmund Jähn war ein Opportunist
26.08.2018 VON RICHARD FRIEBE, Der Tagesspiegel.

"Held der DDR", "Held der Sowjetunion": Vor 40 Jahren flog der Kosmonaut Sigmund Jähn ins All. Für unseren Autor ist das eine zwiespältige Erinnerung.


Kosmonaut Sigmund Jähn, aufgenommen 1978b nach seinem erfolgreichen FlugFOTO: DPA

Im Kalten Krieg wurden auch jede Menge echter Raketen abgeschossen – mit dem Ziel, den Gegner empfindlich zu treffen. Am diesem Sonntag

Das wurde als Sieg des einen Systems über das andere gefeiert. Es war eines der letzten symbolhaften Weltraum-Rennen. Bis dahin hatte die Sowjetunion mit Ausnahme der bemannten Mondlandung ohnehin schon fast überall gewonnen: erster Raumflug, erster Mensch im All, erste weiche Mondlandung, erste Landung auf einem anderen Planeten etc. Jetzt der Sieg mit einem Mann aus einem Dorf im Südwesten der DDR – sinnbildhaft näher am Eisernen Vorhang ging es kaum.

Die DDR feierte Sigmund Jähns Flug ins All als Systemsieg

Es war ein großer Tag. Es waren, bis zur erfolgreichen Rumpellandung in der kasachischen Steppe, große Tage für die offizielle DDR. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch, wie er – auch in einem Dorf im Südwesten der DDR – an seinem RFT-Kofferradio verrauschte Schalten in den Orbit verfolgte, wie der Interviewer aus Ost-Erde jede Frage mit „Sieschmünd!“ begann. Bei uns Zonenkindern kam das an. Wir waren stolz. Und unsere Eltern hofften – es war ansonsten eine besonders dunkle Phase – auf bessere Zeiten. Kaum zurück, bekam Jähn den Orden „Held der DDR“. „Held der Sowjetunion“ wurde er auch noch. Hätte es in der DDR eine Boulevardzeitung gegeben, sie hätte „Wir sind Kosmonaut“ getitelt.

Jetzt, 40 Jahre später, läuft in deutschen Medien die Jähn-Erinnerung und Jähn-Verehrung seit Wochen auf Hochtouren, mit Interviews, Porträts, Dokumentationen. Die Autorin Jana Hensel fragt in ihrem Jähn-Porträt für die Wochenzeitung „Die Zeit“: Warum ist dieser Mann kein Held? Sie meint damit natürlich, dass er eigentlich einer sein sollte, ein deutscher, ein gesamtdeutscher. Aber alles, was DDR war, wird ja bis heute immer niedergehalten.

Sigmund Jähn war Berufssoldat, Kampfpilot, SED-Mitglied

Es gibt aber auch eine etwas objektivere Antwort auf diese Frage. Sie lautet: Jähn hat sich schlicht nie und nirgends heldenhaft verhalten. Er trat mit 18 Jahren in die SED ein. Er wurde Berufssoldat, weil er Flieger werden wollte. Er wurde Kampfpilot, was ohne klare Regimetreue unmöglich war. Er machte Karriere, machte mit, bekam Chancen und tat, was von ihm erwartet wurde, um sie auch ergreifen zu können. Später spielte er die ihm zugedachte Agitprop-Rolle vorbildlich. Kein öffentlicher Auftritt, zu dem er nicht in NVA-Uniform erschienen wäre. Volkskammer-Abgeordneter wurde er auch.

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Logisch, dass als ostdeutscher Kosmonaut kein Regimegegner ausgewählt wurde. Die westdeutschen Nachfolger Jähns wären als Regimegegner Westdeutschlands ebenfalls nicht ausgewählt worden.

                               …schreibt NutzerIn commentator

1983 flog der zweite Deutsche ins All, Ulf Merbold. Auch er kam aus dem Osten, auch aus einem Dorf im Südwesten der DDR. Man ließ den fleißigen und begabten jungen Mann allerdings nicht einmal zum Studium zu, denn er hatte sich geweigert, der Jugendorganisation FDJ beizutreten. 1960 ging er, 19-jährig und allein, nach West-Berlin, begann ein Physikstudium, schlug sich mit einem kleinen Stipendium und Gelegenheitsjobs durch. Später wurde er Forscher an einem Max-Planck-Institut und bewarb sich dann bald für das erste Astronautencorps der Esa. Nach Ende der DDR verschaffte er Jähn sogar einen neuen Job.


Der ehemalige Kosmonaut Sigmund Jähn 2014 in Chemnitz.FOTO: SEBASTIAN WILLNOW/DPA

Andere, wie Ulf Merbold oder Reinhard Furrer, widersetzten sich dem System

1985 flog Reinhard Furrer, der dritte Deutsche. Er war im Allgäu aufgewachsen, ging zum Studium nach Kiel und schließlich nach Berlin. Dort arbeitete er auch als Fluchthelfer. Er war maßgeblich beteiligt am „Tunnel 57“: Anfang Oktober 1964 setzte er sein Leben aufs Spiel, als er auf der Ostseite des Tunnels die 57 Fluchtwilligen in Empfang nahm und schließlich Maschinengewehrsalven der Grenztruppen die Aktion beendeten.

Sigmund Jähn ist, nach allem, was man über ihn hört, ein netter Kerl, bescheiden, ein ganz normaler älterer Herr, ein guter Opa und Uropa. Er war einer wie viele andere DDR-Bürger. Er war aber auch einer, der sich nicht nur fügte, um irgendwie ein einigermaßen unbehelligtes Leben führen zu können, auch keiner, der über all die Jahre aus tiefster Überzeugung gehandelt hätte. Sondern einer, der bewusst so ziemlich alles machte, was von ihm erwartet wurde, um zu erreichen, was er sich erträumte. Er war, ja, ein Opportunist. So ist er dorthin gekommen, wo er jetzt ist: auf den Olymp der DDR-Verklärer und in die Geschichtsbücher. Er ist kein Held und man muss ihm zugutehalten, dass er diesen Status auch nie für sich eingefordert hat.

Die Helden sind andere: die Unzähligen, die, ihrem Gewissen folgend, nicht studieren durften, die statt Professor oder Kosmonaut Kohleschipper oder Arbeiter im Chemiekombinat wurden und deren Namen niemand mehr kennt. Die, die den Wehrdienst verweigerten und dann als „Bausoldaten“ teilweise verreckten. Die nicht nur, wie Adenauer es sagte, die Freiheit „wählten“, sondern sie für sich erkämpften und dafür große Opfer brachten, wie Ulf Merbold. Und die, die Freiheit für andere erkämpften und dabei ihr Leben riskierten, wie Reinhard Furrer. Jähn war heute vor 40 Jahren der erste Deutsche im All. Es ist gut, dass wir uns daran erinnern. Aber eben nicht nur daran.

Ursprung: Ja, Sigmund Jähn war ein Opportunist

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« Odpowiedź #9 dnia: Wrzesień 12, 2018, 06:50 »
Warum ist dieser Mann kein Held? (1)
Von Jana Hensel 22. August 2018, 12:26 Uhr , Zeit Online

Vor 40 Jahren flog Sigmund Jähn als erster Deutscher ins All. Allerdings für die DDR. Ist das der Grund dafür, dass die Bundesrepublik ihn bis heute nicht ehrt?


Sigmund Jähn, 81, am Montag dieser Woche auf seinem Grundstück im brandenburgischen Strausberg, wo er heute lebt © Andreas Mühe/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Wir sitzen schon wieder im Auto und sind auf dem Rückweg. Sigmund Jähn hatte mich vom Bahnhof in Strausberg abgeholt, und nun will er mich, weil man das einfach so macht, wie er sagt, auch dorthin zurückbringen, damit ich mit der S-Bahn wieder nach Berlin fahren kann. Mehr als zwei Stunden haben wir in seinem Wohnzimmer gesessen und geredet.

Nein, dort haben keine Bilder von ihm als Kosmonaut an der Wand gehangen. Es war das ganz normale Wohnzimmer eines älteren Ehepaars, mit wuchtigen Sesseln und viel dunklem Holz. Ab und zu ist der 81-Jährige aufgestanden und hinüber in die Küche gegangen, um Kaffee zu machen. Ich habe am Türrahmen gelehnt und ihm zugesehen, wie er die Kaffeetasse mit dem Unterteller ein wenig umständlich vor die Maschine stellte, wie er seinen Finger in eine Dose mit Salz steckte, um zu probieren, ob es nicht doch Zucker sei. Wie er den Zucker in eine kleine Tasse schüttete und sich entschuldigte, dass er keinen Kuchen da habe.

Sigmund Jähn hat mir in der Küche auch von den grünen Klößen erzählt, die er sich zum Mittagessen aufgewärmt hat, und ich habe mich an die grünen Klöße erinnert, die meine Mutter immer zu Weihnachten macht. Die von meiner Mutter sind Thüringer, seine sind Vogtländer, da gibt es einen Unterschied, aber worin der genau besteht, wusste er in diesem Moment auch nicht zu sagen. Dann haben wir gelacht, und weil wir gerade beim Thema waren, habe ich ein extra breites Sächsisch geredet und ihm erzählt, dass ich als Kind oft im Ferienlager im Vogtland gewesen bin und wir immer in seinen Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz gewandert sind, um dort ins Sigmund-Jähn-Museum zu gehen. Daraufhin hat er angefangen, ein vogtländisches Wanderlied zu singen. Den Text habe ich nicht verstanden, weil diese Texte nicht wirklich zu verstehen sind, aber die Melodie hat mich an früher erinnert. An irgendein fernes, ziemlich verschwommenes Früher. Ein Früher, das man nicht richtig sehen, sondern nur fühlen kann.

Im Lachen ist Jähn leicht vor und zurück getänzelt und ich konnte sehen, wie agil und sportlich dieser Mann noch ist. Vor genau 40 Jahren, am 26. August 1978, ist er vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur in den Weltraum geflogen. Als erster und einziger DDR-Bürger, aber auch als erster Deutscher. Gemeinsam mit dem sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski hatte er in sieben Tagen, 20 Stunden, 49 Minuten und vier Sekunden 125-mal die Erde umkreist. Ländergrenzen sollen von dort oben gar nicht zu erkennen sein.

Der ehemalige Kosmonaut läuft inzwischen leicht gebeugt, aber noch immer geht er morgens, wenn er kann, in den See, der an sein Grundstück grenzt, und schwimmt ein wenig. Früher hat er das auch im Winter gemacht. Ob ich den See sehen wolle, hat er mich nach dem Gespräch auf dem Weg zum Auto gefragt. Wollen Sie denn noch einmal zum See, habe ich ihm geantwortet. Nein, ich will nicht, aber wenn Sie wollen, gehen wir.

Ich will ihm aber nicht noch mehr Zeit stehlen. Sigmund Jähn hat so viele Briefe auf seinem Schreibtisch liegen, die noch immer unbeantwortet sind. Großeltern, die ein Autogramm für ihre Enkel wollen zum Beispiel, obwohl die Enkel sich doch gar nicht für ihn interessieren, wie er glaubt. Aber er will sie alle beantworten. Weil man das einfach so macht, wie er wieder sagt. Weil die Leute sich freuen, wenn sie mitunter auch nach zwei Jahren noch Post von ihm bekommen. Auf dem Weg zum Bahnhof reden wir dann noch einmal über jene Tagung in einem Schöneberger Gymnasium, auf der ich ihm ein paar Wochen zuvor zum ersten Mal begegnet bin.

Eine Tagung zu seinen Ehren, aus Anlass des bevorstehenden 40. Jahrestages seines Fluges. Jähn ist dorthin auch mit der S-Bahn gefahren. Aber Tagung ist eigentlich das falsche Wort. Eher war es ein Treffen einer Gruppe pensionierter oder, besser gesagt, vor vielen Jahren größtenteils ausrangierter DDR-Wissenschaftler. Die alten Männer hatten alle beigefarbene Anzüge und helle Schuhe an. Honecker-Look, wie mir einer selbstironisch gleich am Eingang zuraunte. Von einem wissenschaftlichen Interesse schien das Ganze nicht, es war eher eine Art Ehemaligentreffen. Auch die Direktorin der Sigmund-Jähn-Grundschule in Fürstenwalde/Spree war dort. Sie hatte extra einen Teddybären in einem Kosmonautenanzug mitgebracht, den sie Sigmund Jähn in die Hand drückte, weil sie die beiden zusammen fotografieren wollte. Danach hat sie ihn in ihre Schule eingeladen, unbedingt solle er einmal vorbeikommen. Das sagte sie mehrmals.

Ob er inzwischen einmal dort gewesen wäre, frage ich ihn. Die Einladung hätte so nett geklungen. Nein, sagt Sigmund Jähn. Er hätte einmal in seinem Leben erlebt, wie die Schilder mit seinem Namen über Nacht abgehängt wurden, nun müsse er sich am Ende seines Lebens nicht noch einmal anschauen, wie sie wieder aufgehängt würden. Danach schaut er vom Steuer zu mir herüber und seinen Gedanken hinterher. Es hört sich nicht an, als sage er solche Sätze oft.


Wenn Länder untergehen, verschwinden zuerst ihre Helden


Sigmund Jähn mit DDR-Journalisten, 1978, Archiv Gerhard Kowalski © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Es gibt diese Szene am Schluss von Good Bye, Lenin!, in der die überlebensgroße Leninstatue von einem Helikopter durchs Bild geflogen und ins Nichts abtransportiert wird. Wahrscheinlich auf den großen Müllhaufen der Geschichte. Genau so fühlte es sich für Sigmund Jähn offenbar auch an. Wenn Länder untergehen, sind es ihre Helden, die als Erste verschwinden müssen. Die Guten und die Bösen. Und als die DDR in den Herbsttagen des Jahres 1989 zu versinken begann, musste auch er verschwinden. Jähn war damals 52 Jahre alt.

Alle ehemaligen DDR-Bürger wissen, wer Sigmund Jähn ist

Bis heute kennen den ersten Deutschen im Weltraum viele Westdeutsche nicht. Die Westdeutschen sind für die Ostdeutschen wichtig, ob das auch umgekehrt gilt, ist nicht so sicher. "Sigmund Jähn ist im Orkus der marginalisierten DDR-Geschichte verschwunden", sagt der Soziologe und Elitenforscher Raj Kollmorgen. An Juri Gagarin, den ersten Menschen im All, erinnern sich im Westen viele. An Neil Armstrong, der als Erster auf dem Mond war, viel mehr. Umgekehrt aber gilt: Alle ehemaligen DDR-Bürger wissen, wer Sigmund Jähn ist. Wirklich alle.

Einen größeren Helden nämlich gab es in dem eingemauerten Land nicht. Auch weil er geschafft hatte, was vor ihm keinem Westdeutschen gelungen war. "Der erste Deutsche im All ein Bürger der DDR", das titelte am Sonntag, den 27. August 1978, einen Tag nach seinem Flug, sogar das Neue Deutschland in einer Sonderausgabe. In großen roten Buchstaben, obwohl ein Wort wie Deutscher normalerweise auf dem Index stand. Die Bundesrepublik kam in DDR-Zeitungen nur als Abkürzung vor, die Deutschen hießen BRD-Bürger und DDR-Bürger. Aber am Tag nach Jähns Flug war das egal, der sozialistische Staat wollte Geschichte schreiben. Wahrscheinlich die größte Geschichte, die er je hatte.


Die Titelseite des Neuen Deutschland am Tag nach dem Start Sigmund Jähns ins All © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Zwei Jahre lang hatten sich Kommandant Bykowski und Jähn im sogenannten Sternenstädtchen bei Moskau in unzähligen Tests darauf vorbereitet. Eine der größten Herausforderungen: der Test in der sogenannten Zentrifuge, in der die Beschleunigungskräfte beim Start simuliert werden. Ein Sojus-Raumschiff beschleunigt in knapp zehn Minuten von null auf 28.000 Kilometer in der Stunde, ein menschlicher Körper muss dabei das Achtfache seines eigenen Körpergewichts aushalten. In einer Zentrifuge, in der die Testperson in einer Kabine auf einem Sessel festgeschnallt wird und wie auf einem Karussell mit großer Geschwindigkeit herumgeschleudert wird, lässt sich das 25-Fache simulieren. Unter diesem enormen Druck allein die Augen offen zu behalten und normal zu atmen, erfordert beinahe übermenschliche Kräfte. Oder anders gesagt: Kräfte, über die nur sehr wenige Menschen verfügen.

Der NVA-Jagdflieger Sigmund Jähn, der vier Jahre in Moskau an der Militärakademie für Luftstreitkräfte studiert hatte, besaß diese Kräfte, hatte ausreichend Flugerfahrung – und außerdem sprach er sehr gut Russisch. Deshalb und auch weil er ein Arbeiterkind war, an den Sozialismus glaubte und früh in die SED eingetreten war, durfte der damals 41-Jährige fliegen. Dass er der DDR sehr viel zu verdanken habe, hat Sigmund Jähn auch noch wiederholt, als das Land schon längst nicht mehr eingemauert war. Als man solche Sätze eigentlich nicht mehr sagte. "Im Westen hätte ich nie Kosmonaut werden können", glaubt er. "Meine Eltern waren einfache Leute." Jähns Vater hat in einem Sägewerk gearbeitet, seine Mutter war Hausfrau.

Gerhard Kowalski hat das Neue Deutschland für mich aus einer Kiste hervorgeholt. Die Zeitung ist größer als eine Ausgabe der ZEIT; es fühlt sich an, als würde man eine Tischdecke auseinanderfalten, wenn man sie öffnet. Sein Keller ist vollgestellt mit Kisten und Ordnern über die sozialistische Raumfahrt. Kowalski, der sich heute Raumfahrtjournalist nennt und ein Blog betreibt, würde all das gern jemandem geben, es irgendwo archivieren, aber niemand will den alten Kram haben. Wir sitzen auf seinem Balkon in Pankow, unweit des Majakowskirings. In den Fünfzigerjahren wohnte hier die Führungsriege der DDR. Lotte und Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck, Johannes R. Becher. Auch heute ist das Wohnen hier wieder etwas Besonderes: Die Mieten sind in der Gegend fast unbezahlbar. Kowalski arbeitete einst für die DDR-Nachrichtenagentur ADN, der 76-Jährige war als junger Journalist einer der wenigen, die schon früh in die Tatsache eingeweiht waren, dass die Sowjetunion nun nach einem Polen und einem Tschechen bald auch einen DDR-Bürger mit ins All nehmen würde. Unter Bruderländern machte man das damals so, das hatte nicht zuletzt finanzielle Gründe.

Wie einst Karl May über die Rocky Mountains

Niemandem aber durfte Gerhard Kowalski davon erzählen. Wochenlang hat er sich akribisch auf das Ereignis vorbereitet, alle möglichen Informationen über Sigmund Jähn gesammelt, sicherlich sind die Ergebnisse seiner Recherchen auch der Staatssicherheit vorgelegt worden. Sogar eine Reportage über den Start hat er geschrieben, die er schon Wochen vorher abgeben musste. Obwohl Kowalski noch nie in seinem Leben in Baikonur gewesen war. Er versuchte, sich alles vorzustellen, und schrieb dann über Baikonur wie einst Karl May über die Rocky Mountains: "Die Abendsonne strahlt über dem Kosmodrom. Im Wind, der den Duft der Halbwüste herüberweht, wehen die Fahnen der UdSSR und der DDR. Umgeben von den Bedienungsbühnen und Kabelmasten reckt sich die Rakete 50 Meter hoch in den wolkenlosen kasachischen Himmel. Sojus 31 wartet, einen langen Schatten werfend, auf seine Besatzung." So stand es am Morgen nach Sigmund Jähns Abflug jedenfalls auf der zweiten Seite im Neuen Deutschland.


Gerhard Kowalski in der Nähe des Weltraumbahnhofs Baikonur, 1978 © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Beim Start war Gerhard Kowalski dann wirklich dabei, und auch bei der Landung am 3. September 1978. Waleri Bykowski, ein starker Raucher, wurde am Boden mit einer brennenden Zigarette erwartet, Sigmund Jähn hingegen zeigte man als Erstes ein Foto seines Enkels, der kurz vor dem Start auf die Welt gekommen war. Jähn soll da Tränen in den Augen gehabt haben. Aber über all das durfte Kowalski natürlich nicht schreiben, weder ein Raucher noch ein Opa eigneten sich für jene heroischen Schlagzeilen, die man brauchte. Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 hatte jede Hoffnung auf eine Veränderung des real existierenden Sozialismus brutal zunichtegemacht; nachher würde keine heranwachsende Generation mehr wirklich an diesen angeblich besseren Staat auf deutschem Boden glauben. Jähns Flug fiel bereits in die bleiernen Jahre; zwei Jahre zuvor war 1976 der Liedermacher Wolf Biermann ausgebürgert worden. Man hungerte geradezu nach positiven Nachrichten, etwas, an dem man sich aufrichten konnte.
 
Deutschland soll lernen, wer Jähn ist

Nun, im Jahre 2018, hat sich Gerhard Kowalski in den Kopf gesetzt, dass auch das wiedervereinigte Land endlich zur Kenntnis nehmen soll, wer Sigmund Jähn gewesen ist. Vielleicht weil im Osten Deutschlands wieder eine Art bleierne Zeit angebrochen ist, weil es wichtiger als je zuvor nach Wiedervereinigung wäre, der guten Helden von einst stärker zu gedenken. Kowalski will jedenfalls, dass sich alle Deutschen an Jähns Flug erinnern. Aber darf einer wie er das eigentlich, ein ehemals systemtreuer Journalist? Und hat einer wie Sigmund Jähn eigentlich ein Recht darauf, dass wir uns heute noch an ihn erinnern?

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« Odpowiedź #10 dnia: Wrzesień 12, 2018, 06:50 »
Warum ist dieser Mann kein Held? (2)

Warum gratuliert die Kanzlerin nicht?


Gerhard Kowalski © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Nach der Wende hat Gerhard Kowalski bei der Nachrichtenagentur ddp gearbeitet, als einer der wenigen ehemaligen ADN-Mitarbeiter wurde er übernommen. Sogar in der Münchner Redaktion war er, lange Jahre hat er dort nur Nachtschichten gemacht, weil er seine westdeutschen Chefs nicht ertragen hat. Bis zur Rente. Kowalski sagt von sich, ein Ekelpaket zu sein, aber im Gespräch ist er liebenswürdig und charmant. Natürlich kämpft er, der als Korrespondent in Algier, Warschau, Moskau und Budapest gearbeitet hat, wenn er sich für Sigmund Jähns Lebenswerk einsetzt, auch für sein eigenes, obwohl er das so nie zugeben würde.

Kein Glückwunschschreiben der Bundeskanzlerin

Schon im Frühjahr hat sich Kowalski in einem Brief an die Bundeskanzlerin gewandt: "Als der erste Deutsche im All, Sigmund Jähn, im vergangenen Jahr 80 Jahre alt wurde, habe ich vergeblich auf einen Glückwunsch oder Gruß der Regierung an ihn gewartet. In diesem Jahr nun jährt sich sein Flug zum 40. Mal. Bisher sieht es so aus, als werde er wieder vergessen", schreibt er Angela Merkel in strengem Ton. "Ich hoffe sehr, dass die Vernachlässigung der historischen Leistung dieses Mannes nicht dem Umstand geschuldet ist, dass er aus der DDR stammt", heißt es weiter. "Mit vorzüglicher Hochachtung, Gerhard Kowalski". Tatsächlich sei er, sagt er, lange Zeit ein Bewunderer von Angela Merkel gewesen.

Eine Mitarbeiterin aus dem Referat Koordinierung in Angelegenheiten der neuen Länder im Kanzleramt antwortet ihm nur wenige Tage später: "Ich möchte Ihnen versichern, dass die Herkunft von Herrn Sigmund Jähn aus der DDR nicht das Kriterium für die Entscheidung darstellte, ihm kein Glückwunschschreiben der Bundeskanzlerin im letzten Jahr zu übersenden. Ich wünsche Ihnen für Ihre Zukunft weiterhin alles Gute." Das ist nett gesagt, aber man fragt sich natürlich, was dann eigentlich der Grund gewesen sein soll. Auch Kowalski zuckt mit den Schultern.

Nicht traditionswürdig

Daraufhin wendet er sich an das Verteidigungsministerium. Sigmund Jähn ist am 2. Oktober 1990 im Rang eines Generalmajors, dem fünfthöchsten Dienstgrad, den es in der DDR gab, aus der NVA entlassen worden, deshalb ist Ursula von der Leyen offiziell irgendwie doch für seinen Fall zuständig. Obwohl der sogenannte Traditionserlass der Bundeswehr, der im Frühjahr gerade erneuert und um die NVA ergänzt wurde, klar festlegt: "Die NVA begründet als Institution und mit ihren Verbänden und Dienststellen keine Tradition der Bundeswehr. In ihrem eigenen Selbstverständnis war sie Hauptwaffenträger einer sozialistischen Diktatur." Zwar wird die NVA in diesem Traditionserlass ausdrücklich nicht mit der Wehrmacht in ihrer historischen Bedeutung gleichgestellt, aber dennoch gilt für beide: Sie sind für die Bundeswehr nicht traditionswürdig.

Es sind aber, das steht auch in diesem Erlass, sowohl für Wehrmachts- als auch NVA-Angehörige nach sorgfältiger Prüfung Ausnahmen gestattet. Wer Widerstand gegen den Nationalsozialismus oder das SED-Regime geübt hat oder wer außerordentliche Verdienste um die Deutsche Einheit errungen hat, könnte auch weiterhin geehrt werden. Könnte man nicht auch für Jähn, dessen Leistung als Raumfahrer unbestritten ist, eine Ausnahme machen? Oder war er dafür doch zu sehr Teil des Systems?

Es geht um Respekt

Auch von einem Mitarbeiter des Bundesverteidigungsministeriums bekommt Gerhard Kowalski rasch Antwort. Diesmal sind es nicht wenige Zeilen, sondern ein zweiseitiger Brief, in dem ihm freundlich, aber sehr bürokratisch noch einmal dargelegt wird, was bereits in dem Traditionserlass steht. Mit der folgenden Ergänzung: "Im Fall des ehemaligen Generalmajors der NVA Dr. Sigmund Jähn stellt sich die Frage seiner Traditionswürdigkeit erst, wenn er von den Angehörigen der Bundeswehr an einem Standort vorgeschlagen werden würde … Für diesen Fall wäre eine wissenschaftliche Kriterien erfüllende historische Überprüfung der Person und seiner Traditionswürdigkeit im Sinne des Traditionsverständnisses der Bundeswehr unbedingte Voraussetzung … Ich danke Ihnen für Ihr Interesse an der Bundeswehr und wünsche Ihnen alles Gute." Kowalski ist mit dieser Antwort, die ihn zwar nicht wirklich weiterbringt, zufrieden. Er hat den Eindruck, man habe sich mit seinem Anliegen angemessen befasst hat. Einer, der gegen Windmühlen kämpft, ist Kowalski nicht. Es geht ihm eher um Respekt.

Sigmund Jähn selbst freilich geht das ganze Theater, das Gerhard Kowalski für ihn veranstaltet, ein bisschen auf die Nerven. Man darf sich ihn nicht als einen verbitterten älteren Herrn vorstellen. Im Gegenteil, Jähn warnt mich öfter, mit meinem Text nicht zu übertreiben, wie er sagt, nicht dass sie noch anfangen, ihm zum Jahrestag die Bude einzurennen. "Wenn die Leute mich in Ruhe lassen, habe ich auch meine Ruhe", sagt er und lächelt.

Held der DDR

Vielleicht aber will er sich auch vor Enttäuschungen schützen. Als das 20. Jubiläum seines Fluges im Jahr 1998 bevorstand, hat er so gut wie alle Interviews abgesagt. Ursprünglich hatte er auch mich nicht treffen wollen, ich musste ihm erst noch eine zweite, sehr lange Mail schreiben, auf die hat er dann geantwortet: Na gut, kommen Sie eben, aber ich weiß gar nicht, worüber wir reden wollen. Das klang ziemlich misstrauisch.

Nach seinem Flug im Jahr 1978 bekam Jähn offiziell den Titel "Held der DDR" verliehen. Er wurde herumgezeigt wie ein bunter Hund, wie eine Trophäe auf öffentlichen Veranstaltungen ausgestellt und in die Betriebe geschickt. Es sollten die Menschen ihn überall, wo er auftauchte, auch anfassen dürfen. Er hat das alles mitgemacht, weil man das einfach so macht. Auf die vorgeschriebenen Reden allerdings, auf all die sozialistischen Floskeln hat er versucht zu verzichten, wo er konnte, erzählt er mir. "Die hat man mir zu Hause nicht beigebracht. Ich habe immer versucht, mit den normalen Leuten auch normal zu reden."


"Ich mache mir nicht mehr so viele Gedanken"


Sigmund Jähn und der ESA-Astronaut Alexander Gerst © Jörg Carstensen/dpa

Sigmund Jähn hat nach der Wiedervereinigung vor allem ein privates Leben geführt. Und er ist immer wieder auf Kollegen getroffen, die ihm geholfen haben, sich für ihn eingesetzt haben. Alexander Gerst zum Beispiel. Der Astronaut, der im Moment als erster Deutscher und zweiter Westeuropäer überhaupt eine ISS-Mission leitet, nennt Jähn seinen Freund. Als er im Jahr 2014 seinen ersten Weltraumflug antrat, hat Gerst ein Abzeichen, das er irgendwo in einem verstaubten Andenkenladen in Sibirien gefunden hatte und auf dem Waleri Bykowski und Sigmund Jähn zu sehen sind, als eine Art Talisman mit ins All genommen, in ein Fenster der Raumstation gelegt und ein Foto gemacht, das er dem älteren Kosmonautenkollegen hinterher geschickt hat. Zu Weihnachten hat er ihm dann geschrieben: "Es war mir eine große Ehre und Freude, auf deinen Schultern in den Weltraum zu fliegen! Dein Freund Alex". Gerst also scheint ganz bewusst eine Traditionslinie zwischen sich und Sigmund Jähn zu ziehen, eine Linie, die es offiziell eigentlich nicht geben darf und die deshalb umso wichtiger ist. Jähn jedenfalls zeigt mir stolz das Foto von Gerst und auch sein Schreiben. Ich kann ihm ansehen, wie glücklich ihn die Gesten des Jüngeren machen. Der in Franken geborene Gerst war zwei Jahre alt, als Jähn flog; er war 13, als die Mauer fiel.


Der westdeutsche Kosmonaut Ulf Merbold (Vordergrund) in der US-Raumfähre "Columbia", November 1983 © NASA/UPI

Ulf Merbold darf man nicht vergessen. Der erste Westdeutsche im All ist in Wahrheit nämlich auch ein Vogtländer. Merbold wurde nur 40 Kilometer von Morgenröthe-Rautenkranz entfernt in Greiz geboren. 1960, als 19-Jähriger, verließ Merbold, weil man ihn nicht studieren ließ, die DDR und ging in die Bundesrepublik. Nach dem Mauerfall hat er sich dafür eingesetzt, dass Jähn in der europäischen Weltraumagentur ESA und dem deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR als Berater unter Vertrag genommen wird. Beinahe 15 Jahre hat Jähn daraufhin in Russland gearbeitet. Und dort hat er, das hat er mir mehrmals erzählt, genauso viel verdient wie seine westdeutschen Kollegen.   

Die Biografien der beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein. Merbold, der Republikflüchtling, und Jähn, die Ikone des Sozialismus. Merbold fasst das so zusammen: "Sigmund würde sagen, die DDR hat Fehler gehabt, aber im Kern war sie gut. Ich dagegen sage, nicht alles war schlecht, aber im Kern war die DDR ein Unrechtsstaat." Ausgerechnet die beiden verbringen den Abend des Mauerfalls gemeinsam in einem Hotelzimmer in Saudi-Arabien, weil dort gerade ein Kongress stattfindet, und wieder beschreibt Merbold die Szenarie mit einem beinahe allegorischen Satz: "Wir hatten an diesem Abend beide Tränen in den Augen, wahrscheinlich aber aus unterschiedlichen Gründen." Dass aber einer wie er Sigmund Jähn im wiedervereinigten Deutschland zu einer neuen Arbeit und damit einer Art zweitem Leben verhilft, gehört zu jenen Anekdoten, die zeigen, wie wenig ideologische Schablonen mitunter das normale Leben erklären können. Im Zweifelsfall schlägt das Leben der Ideologie ein Schnippchen.


Sigmund Jähn und Ulf Merbold, April 1990 © Wilhlem Leuschner/dpa

Immer wieder schließt Sigmund Jähn die Augen, wenn ich ihn am Tisch in seinem Wohnzimmer nach seiner Kindheit frage. Ich kann beinahe selber sehen, wie er noch einmal den Flur in der Wohnung seiner Eltern betritt, wie er versucht zu hören, was sein Vater als Kind zu ihm gesagt hat. Er ist in solchen Momenten gar nicht mehr richtig da, sondern tief in den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts versunken.

Eine Kindheit voller Nazis

Eine der frühesten Kindheitserinnerungen, von denen er berichtet, ist, wie sein Vater ihn, so 1943 muss das gewesen sein, Jähn war sechs alt, mit in das Sägewerk nahm, in dem er arbeitete. In einer Baracke waren die sowjetischen Kriegsgefangenen untergebracht, die, so drückt er es aus, dieselben Bretter wie sein Vater schleppen mussten. Dem Kind haben sie manchmal Spielzeug geschnitzt und als er also um die Mittagszeit diese Baracke betritt und ein Stück Zucker auf einem Tisch liegt, will er nach dem Zucker greifen und ihn sich in den Mund schieben. Der Vater sieht das und staucht das Kind zusammen: Lass das liegen, die haben selber nichts, die armen Hunde.

Eine andere Erinnerung ist, wie sein erster Lehrer, ein richtiger Nazi, sagt Jähn, ein wirklicher Sadist, sagt er, den Jungen so sehr ins Gesicht schlägt, weil er wohl unsauber geschrieben habe, dass ihm das Blut aus der Nase läuft. Und welche Befreiung es für ihn gewesen ist, als nach dem Krieg die ersten Neulehrer an die Schule gekommen sind. Diese Lehrer, die alle an den Sozialismus glaubten, hätten ihn richtig beflügelt, hätten ihm Bücher zu lesen gegeben. Diese Zeit sei ein wirklicher Aufbruch gewesen. Und tatsächlich, das erwachende politische Bewusstsein des Jungen fällt in diese ersten Jahre nach dem Krieg, in die ersten Jahre der DDR. Er beginnt auch an diesen Sozialismus zu glauben, hält ihn für die richtige Antwort auf die Verbrechen des Krieges und des Nationalsozialismus. Die Neulehrer waren es dann auch, die ihn auf die Oberschule schicken wollten, allein sein Vater konnte mit so etwas nichts anfangen, der Junge sollte erst einmal einen richtigen Beruf lernen. Deshalb wird Jähn Buchdrucker. Dann holt er das Abitur nach, wird Pionierleiter, tritt in die SED ein und so weiter. Es ist eine sozialistische Bilderbuchkarriere, die nun beginnt. Und die ihn weit, weiter als jeden anderen DDR-Bürger, schließlich bis ins Weltall bringt.

Sigmund Jähn war ein Protagonist der DDR, er stand zwar nicht in der ersten Reihe, aber jene, die das taten, konnten sich auf ihn verlassen. Angela Merkel wird ihm deshalb wahrscheinlich keine Blumen zum 40. Jahrestag seines Fluges schicken und auch die Bundeswehr wird wohl nie eine Kaserne nach ihm benennen. Das ist für viele Ostdeutsche eine bittere Einsicht. Es kann gut sein, dass Gerhard Kowalski sich einfach irrt, dass sein Wunsch nach der Anerkennung des Lebenswerkes von Jähn nicht erfüllt werden wird, weil er schlicht nicht zu erfüllen ist. Weil es einfach noch nicht möglich ist, als Held der DDR auch im Westen Anerkennung zu bekommen. Vielleicht ändert sich das eines Tages, aber wer weiß das schon.


Sigmund Jähn © Andreas Mühe/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Aber ab und an kann man fragen: Warum ist das eigentlich so? Ab und zu kann man daran erinnern, dass ein Mensch wie Sigmund Jähn auch dem Westen gut zu Gesicht stehen würde, weil sein Lebenslauf in vielem ebenfalls eine exemplarisch deutsche Biografie des 20. Jahrhunderts ist. Und wenigstens alle paar Jahre hilft es vielleicht, den Ostdeutschen anzumerken, dass unsere Erinnerungskultur sehr wahrscheinlich zu westdeutsch ist.

"Ich bin am Ende meines Lebens angekommen, ich mache mir nicht mehr so viele Gedanken", hat Sigmund Jähn zu mir gesagt. Aber ich habe dabei in seine wachen Augen geschaut und gewusst: Er sagt nicht die Wahrheit. Einer wie Sigmund Jähn hat sich sein Leben lang Gedanken gemacht und einer wie er wird auch am Ende seines Lebens nicht damit aufhören.

Ursprung: Warum ist dieser Mann kein Held?

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« Odpowiedź #11 dnia: Wrzesień 13, 2018, 13:21 »
Kosmonaut Sigmund Jähn: „Eigentlich bin ich ein Waldmensch“
DDR-Raumfahrer im Interview
09.08.2018 Ein Interview. JAN OBERLÄNDER und BJÖRN ROSEN , Der Tagesspiegel

40 Jahre liegt sein Flug ins All zurück, noch immer bekommt er stapelweise Fanpost. Sigmund Jähn über seinen Freund Alex Gerst, Ufos und 16 Sonnenaufgänge am Tag.


Sigmund Jähn aufgenommen nach seinem erfolgreichen Flug mit dem sowjetischen Raumschiff Sojus 31 im August 1978.FOTO: PA/DPA

Sigmund Jähn, 81,war vor 40 Jahren der erste Deutsche im Weltall. Am 26. August 1978 flog er mit seinem sowjetischen Kollegen Waleri Bykowski zur Raumstation Saljut 6, in der er eine Woche verbrachte. Die Mission war Teil des „Interkosmos“-Programms, mit dem Moskau die sozialistischen Bruderstaaten in die Erforschung des Alls einband. Für die DDR war Jähns Erfolg ein Triumph über den Westen. Der Kosmonaut wurde zur Propagandafigur: Schulen und Freizeitzentren wurden nach ihm benannt, und er trat scheinbar endlos auf Veranstaltungen auf. Bodenständig und bescheiden, wurde er jedoch zum echten Sympathieträger.

Jähn, geboren 1937 im sächsischen Morgenröthe-Rautenkranz, lernte zunächst Buchdrucker. Später holte er das Abitur nach und wurde Kampfpilot. Unmittelbar vor dem Ende der DDR bekleidete er den Rang eines Generalmajors. Nach der Wende wurde er Kontaktmann der europäischen Raumfahrtagentur nach Russland.

Das Interview findet in Jähns Haus in Strausberg bei Berlin statt. Zunächst im Wohn-, dann im Arbeitszimmer: Dort hängen an der Tür Fotos der Enkelkinder und an den Wänden große Geweihe – der Kosmonaut ist begeisteter Jäger. Anlässlich des Jubiläums findet am 30. September im Schloss Neuhardenberg eine Veranstaltung mit Sigmund Jähn statt.



Herr Jähn, waren Sie ein wenig neidisch, als Alexander Gerst neulich zur Internationalen Raumstation aufbrach?

Nein, ich bin doch Realist, und für so einen Flug komme ich natürlich nicht mehr infrage. Aber ich war in Baikonur dabei, wie schon bei Gersts erstem Start. Ich kann Ihnen Bilder auf meinem Telefon zeigen, gucken Sie mal hier.

Auf dem Foto sind die Triebwerke einer Rakete von unten zu sehen.

Ich war in diesem Loch, wo die Rakete schließlich gezündet wird. Da darf kaum jemand hin. Das große Theater ging los, die Rakete wurde aus dem Werk gezogen, die Gäste warteten. Plötzlich legt mir ein Ingenieur, den ich kenne, er wird so alt sein wie ich, seine Hand auf die Schulter. Komm mit, sagt er, wir gehen mal unten rein! Außer uns war nur der Chefkonstrukteur dabei. Wenn du behandelt wirst wie einer, der dazu gehört – da freust du dich. Es wird wahrscheinlich das letzte Mal gewesen sein, dass mich dort noch Leute kennen.

Auf Ihrer Anrichte steht ein Buch über Gerst, mit einer persönlichen Widmung: „Dein Freund Alex“.

Er hat mich gebeten, das Vorwort zu schreiben, und auch meine Einladung nach Baikonur geht wohl auf ihn zurück. Alex ist ein kluger, ehrlicher Mann, mit ganz viel Emotion.

Sind Sie jetzt in Gedanken bei ihm und wissen jeden Tag genau, was er im All tut?

Ehrlich gesagt komme ich dazu gar nicht. Allein die vielen Briefe, die mich erreichen. Es gehört sich, dass man antwortet, und die meisten sind auch so nett geschrieben. Eigentlich ist das nicht zu beherrschen. Man denkt, es lässt nach, aber dann kommen wieder neue. Vergangenes Jahr zu meinem Achtzigsten brachte der Briefträger zwei, drei Tage lang richtige Stapel. Gelesen habe ich alles, aber man muss sich ja Gedanken machen. Deshalb ist ein Großteil noch unbeantwortet.

Sie deuten mit Ihrer Hand einen halben Meter hoch. Was schreiben Ihnen die Leute?

Direkte Liebeserklärungen von jungen Frauen sind nicht dabei. Manche möchten nur ein Autogramm, das geht leicht über die Bühne. Andere wollen mir sagen, wie sehr sie sich über meinen Flug gefreut haben. Vor allem Leute aus dem Osten, ich bin ja ein Überbleibsel der DDR. Doch es sind auch viele Westdeutsche dabei.

In den kommenden Wochen werden Sie vermutlich wieder Unmengen an Briefen erreichen. Vor 40 Jahren, am 26. August 1978, starteten Sie als erster Deutscher ins All, verbrachten eine Woche auf der sowjetischen Raumstation Saljut 6. Wie feiern Sie das?

Es wird eine Veranstaltung geben, unter anderem mit dem russischen Bordingenieur unserer damaligen Besatzung, und zwar in der Raumfahrtausstellung in Rautenkranz ...

... Ihrem Heimatdorf im sächsischen Vogtland. So halten Sie das seit jeher bei den Jubiläen?

Ach wo. Wenn man dran denkt, trinkt man mal ein Glas Bier oder einen Schnaps. Gern erinnere ich mich an den 25. Jahrestag, das war eines meiner schönsten Erlebnisse. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hatte eine Feier in Markneukirchen organisiert.

Rund 25 Kilometer von Ihrem Heimatort entfernt.

Dort gab es eine entsprechende Halle. Der damalige Bundespräsident Johannes Rau kam vorher mit dem Hubschrauber zur Rautenkranzer Ausstellung. Auch große Leute aus Dresden waren anwesend, und alle von denen glaubten, dass sie danach im Hubschrauber weiterfliegen könnten. Die Zeit war so getaktet, dass sie sonst früher mit dem Auto hätten losfahren müssen. Aber Rau hat gesagt: Mit mir fliegen der Jähn und der Bürgermeister. Eine Stunde hat er mit uns geredet. Ihm gegenüber habe ich höchste Achtung empfunden.

In der DDR galt Ihre erfolgreiche Mission als Beweis für die Überlegenheit des sozialistischen Systems. Sie selbst wurden zur Propagandafigur. Hatten Sie das Gefühl, eine Rolle spielen zu müssen?

Nicht in dem Sinne, dass ich ein Parteipropagandist gewesen wäre. Schon während der Ausbildung im Sternenstädtchen bei Moskau wurden wir aber darauf vorbereitet, in die Öffentlichkeit zu gehen. Zum Beispiel mit Frage-Antwort-Spielen nach einem möglichen Flug. Mir war das alles egal. Die Aussicht, ins Weltall zu fliegen, war so reizvoll, da musste ich nicht abwägen.

Im Westen war man weniger begeistert von Ihnen. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb damals, der „erste richtige Deutsche“ werde erst zwei Jahre später ins All fliegen.

Damit war Ulf Merbold gemeint, der vom falschen zum richtigen Deutschen mutiert war.

Sie meinen, weil er die DDR 1960 verlassen hatte?

Er ist nur 30 Kilometer von meinem Ort entfernt geboren! Auch deshalb haben wir uns immer ganz gut verstanden, vor 1989 und danach.

Sie gelten als heimatverbunden, trotzdem sind Sie nie ins Vogtland zurückgekehrt. Lebt es sich hier, in Strausberg bei Berlin, ruhiger als in Rautenkranz, wo Sie immer der Lokalheld wären?

Ach, so sind die Rautenkranzer nicht. Man kennt sich, und man spricht sich mit Du an, wie früher auch. Ich wollte ursprünglich in Marxwalde, heute Neuhardenberg, bleiben, wo ich Flieger gewesen war. Aber der damalige Verteidigungsminister sagte mir nach meinem Flug 1978: Sie müssen näher an Berlin heran. Ich war dann ja ständig unterwegs, habe überall meine Geschichten erzählt. Und von Berlin aus geht das natürlich leichter.

Strausberg war Sitz des DDR-Verteidigungsministeriums. In Ihrer Straße, direkt am See gelegen, wohnten einige hochrangige NVA-Offiziere.

Das war eine luxuriöse Gegend. Unser Haus gehörte ursprünglich der Armee. 1978 war der Vorbewohner gerade pensioniert worden und ausgezogen. Das passte gut. Als dann die Bundesrepublik kam, ging es zunächst an die Treuhand. Ich hatte Glück, es ein zweites Mal kaufen zu können.

Es heißt, Ihr großes Hobby sei es, Bäume zu pflanzen: 160 allein in Rautenkranz …

… Sie müssen bloß hier aus den Fenstern gucken! Vorne und hinten ist alles dicht. Einer meiner Enkel, der diese Hütte vielleicht mal übernehmen darf, hat auch schon welche gepflanzt. Das finde ich schön. Diese Serbische Fichte da, die so gut gewachsen ist, stammt übrigens aus Rautenkranz.

Sehnen Sie sich nach Verwurzelung?

Das hat sich einfach so ergeben. Vier Wochen nach meinem Raumflug rief mich eine Frau aus dem Forstbotanischen Garten in Eberswalde an, die Verantwortliche für die deutsch-sowjetische Freundschaft. Sie sagte: Wir würden Sie gerne zu uns einladen. Ich hatte gute Laune und habe zugesagt, unter einer Bedingung: Bitte keine Blumen und Ehrenjungfrauen! Beides hatte ich schon zur Genüge erlebt. Und so hat mir der Leiter in Eberswalde eben eine Schale mit Bäumchen überreicht.

Ihre Begeisterung für die Luftfahrt weckten ausgerechnet die alliierten Bomber im Krieg. Hatten Sie keine Angst vor denen?

Ich war sieben, acht Jahre alt und wusste gar nicht, dass die Bomben fliegen. Wahrscheinlich waren die auf dem Weg nach Plauen, um dort ihre Last abzuwerfen. Wir sahen damals als Kinder zum ersten Mal überhaupt Flugzeuge! Zum Spielen haben wir Zelte gebaut, Pilze gesammelt, sind Ski gefahren. Eigentlich bin ich eher ein Waldmensch.

Alle, die die Welt vom All aus gesehen haben, sagen das Gleiche: Wie verletzlich die Erde wirkt und dass man Konflikte danach ganz anders sieht. Verändert sich dort oben wirklich so rasant die Perspektive?

Dass man ein anderer Mensch wird, glaube ich nicht. Aber wenn man schon etwas in dieser Richtung mitbringt, festigt sich das. Was wir anzetteln als Menschheit, ist doch wirklich kaum zu glauben. Dass wir Atomwaffen entwickelt haben, mit denen man den halben Planeten auslöschen kann. Jetzt im Alter denke ich häufiger: Du hast Glück gehabt, aber gilt das auch noch für deine Kinder und Enkel? Ich habe mich zum Beispiel neulich an eine Geschichte erinnert, wollt ihr die hören?

Erzählen Sie mal.

Mein Vater hat mich 1944/45 mitgenommen zu dem Sägewerk, in dem er arbeitete. Dort gab es ein Dutzend russische Kriegsgefangene. Einen von denen hörte ich sagen: „Roosevelt kaputt, Stalin kaputt i Hitler kaputt“ – dann verstehen wir uns. Die waren sehr lieb zu mir als Kind, einer hat mir ein Holzgewehr geschnitzt. Ich glaube, diese Erlebnisse haben mich davor bewahrt, die Russen negativ zu sehen, wie manche das tun. Später habe ich in Moskau an der Militärakademie studiert.

Neben Ihnen gab es bis kurz vor dem Start einen zweiten DDR-Kandidaten für den Weltraumflug: Eberhard Köllner. Damit sich Ihr großer Traum erfüllte, musste seiner platzen.

Es ist Eberhards Verdienst, dass er sich nie etwas hat anmerken lassen. Vielleicht dachte er eine Zeit lang, er wäre der Bessere gewesen. Vielleicht stimmt das sogar. Er ist ein sehr guter Praktiker. Andererseits konnte ich zum Beispiel die Sprache besser, ich habe Russisch schon in der Schule sehr gern gehabt. Eberhard und ich haben nach wie vor ein gutes Verhältnis. Seine Frau und er kommen manchmal zum Kaffeetrinken vorbei.


Sigmund Jähn war der erste Deutsche im Weltraum.FOTO: MIKE WOLFF

Was war das bewegendste Naturschauspiel im All?

Die Sonnenaufgänge, alle 90 Minuten. In der Kapsel ist man schnell unterwegs, umrundet die Erde an einem Tag 16 Mal. Die Sonne kommt langsam hinter der Erde hervor: Erst ein heller Schein von rechts, dann so ein Schwalbenschwanz, der größer und größer wird, und plötzlich ist die Sonne da. Ein Farbspiel sondergleichen, verrückt. Natürlich weiß man das vorher, aber wenn es passiert, freut man sich trotzdem.

Und da sind selbst bei einem erklärten Atheisten wie Ihnen keine religiösen Gefühle aufgekommen?

Nein. Es gab bei den Russen einen Witz. Chruschtschow fragt den Kosmonauten Gagarin: Hast du den lieben Gott gesehen? Der bejaht. Chruschtschow: Schon gut, aber sag’s keinem weiter! Später fragt der Papst den Kosmonauten das Gleiche. Gagarin antwortet: Nein. Und der Papst: Wusste ich’s doch, aber sag’s keinem weiter!

Sie haben hier eine Tasche mit Raumfahrt-Souvenirs: Kosmonautennahrung, Saugschläuche ... Was ist diese Apparatur aus Plastik und Stoff?

Oh, die ist für den Urin. Darum gab es eine Verkleidung, und das Ganze war an ein Saugsystem angeschlossen. So wurde der Urin schließlich bis in einen Eimer abtransportiert. Zu meiner Zeit schleuste man den noch aus.

Das heißt, der Eimer trieb dann im All, wie ein Ufo?

Ja, der flog in einer gewissen Entfernung neben uns mit. Man hat mich ein paar Tage im Unklaren gelassen, ich sah dieses Objekt und wusste nicht, um was es sich handelte. Der Kommandant, Wladimir Kowaljonok – das war so ein Bursche – hat später erzählt, wir hätten da oben einen „Nachbarn“ gehabt, der uns verfolgte. Auf einem Kongress in Moskau kam deswegen mal ein Mann auf mich zu. Als ich die Geschichte klarstellte, wurde er richtig böse: Sie belügen uns! Das war so einer, der an Wesen aus dem All glaubte.

Herr Jähn, im Film „Good Bye Lenin“ wird ein Doppelgänger von Ihnen Nachfolger von Erich Honecker – und öffnet die deutsch-deutsche Grenze.

Der Regisseur Wolfgang Becker saß, wo Sie jetzt sitzen. Der wollte gern, dass ich mitspiele. Für mich war von Anfang an klar, das mache ich nicht. Obwohl ich finde, dass der Film gut geworden ist. Es war ein Glücksfall, dass den ein Mann aus dem Westen gedreht hat. Der hatte es nicht nötig, alles aus der DDR in den Dreck zu ziehen.

Von Ihrer Weltanschauung sind Sie nie abgerückt.

Vielleicht hatte Marx doch recht. Vielleicht wird es noch mal eine menschliche Gesellschaft geben, in der nicht einer Milliarden besitzt, während der andere gerade so durchkommt.

Wo haben Sie selbst den Mauerfall erlebt?

In Riad. Da gab es eine Konferenz der „Association of Space Explorers“, organisiert vom saudischen Astronauten Sultan bin Salman. Am Abend des 9. November fuhren meine Frau und ich zum Flughafen Schönefeld, wir hatten Schabowskis Pressekonferenz gesehen, ohne uns allzuviel dabei zu denken. Am Morgen sagt plötzlich einer beim Frühstück: In Berlin saufen sie Sekt auf der Mauer! Ich hatte die Aufgabe, den nächsten Kongress im Jahr 1990 vorzubereiten. Daraus wurde dann nichts. Und zu den folgenden Kongressen bin ich nicht mehr gefahren, nach Malaysia oder sonstwohin. Dazu fehlten mir dann auch die finanziellen Möglichkeiten.

Die SED/PDS wollte Sie damals in den Parteivorstand holen. Sie lehnten ab. „Ich sollte wieder benutzt werden“, haben Sie mal gesagt.

Ich eigne mich nicht für laute Reden.

Die Büste von Ihnen, die es bis 1990 in Berlin gab, steht heute im Sächsischen Landesamt für Statistik.

Das wusste ich nicht. Als nach der Wende überall Statuen in den Graben geschmissen wurden, habe ich nur gesagt: Nehmt sie doch weg, wenn sie keinen Sinn mehr hat. Damit war es dann auch gut.

Und was ist aus der Auszeichnung „Held der DDR“ geworden?

Unsere Orden sind alle weg. Aber den Titel „Held der Sowjetunion“ darf ich noch tragen. Bloß heißt der dort jetzt „Geroi Rossijskoj Federazii“, Held der Russischen Föderation.

Ursprung: Kosmonaut Sigmund Jähn: „Eigentlich bin ich ein Waldmensch“

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« Odpowiedź #12 dnia: Wrzesień 14, 2018, 06:17 »
Die Gefahren für die Erde vom All aus gesehen – Zwei Kosmonauten warnen
29.07.2018(aktualisiert 10:45 22.08.2018) Tilo Gräser , de.sputniknews.com

Erinnerungen an ihre Raumflüge und Sichten auf aktuelle Entwicklungen haben am Samstag in Berlin zwei „Interkosmonauten“ ausgetauscht. Bei der „Fiesta de Solidaridad“ haben Arnaldo Tamayo Mendez und Sigmund Jähn geschildert, wie grenzenlos die Erde aus dem All aussieht, und zugleich vor den Folgen der aktuellen Konfrontationspolitik gewarnt.

„Cuba Si, Yankee No!“ – so begrüßte Arnaldo Tamayo Mendez, Brigadegeneral der kubanischen Streitkräfte und Abgeordneter der kubanischen Nationalversammlung, am Samstag in Berlin all jene, die zur „Fiesta de Solidaridad“ in den Lichtenberger Stadtpark gekommen waren. Doch der heute 76-Jährige Tamayo war nicht wegen seiner offiziellen Funktionen da. Er wurde vor allem als der erste und bisher einzige kubanische und lateinamerikanische Kosmonaut empfangen. Gemeinsam mit Juri Romanenko war er am 18. September 1980 mit Sojus 38 ins All gestartet, hielt sich eine Woche lang an Bord der Orbitalstation Salut 6 und landete nach acht Tagen wieder auf der Erde.

Mit ihm war der erste Deutsche im All, Sigmund Jähn, zu dem Fest gekommen, das traditionell jährlich von der Arbeitsgemeinschaft „Cuba Si“ in der Linkspartei organisiert wird. Die beiden Fliegerkosmonauten kennen sich, seitdem sie sich im Sternenstädtchen bei Moskau auf ihre Raumflüge im Rahmen des „Interkosmos“-Programms vorbereiteten. Jähn, heute 81, war vor nunmehr 40 Jahren am 26. August 1978 gemeinsam mit Waleri Bykowski in Sojus 31 zur Salut 6-Station gestartet.


Der erste Kosmonaut Kubas und Lateinamerikas, Arnaldo Tamayo Mendez, stellte klar: Cuba Si, Yankee No!
© SPUTNIK / TILO GRÄSER


„Interkosmos“ öffnete kleinen Ländern Weg ins All

Tamayo erinnerte an das „Programm, das Raumfahrern aus neun verschiedenen Ländern den Flug ins All gemeinsam mit sowjetischen Kosmonauten ermöglichte“, – „ein friedliches Programm, zu dem wir aus unseren Ländern Forschungsprojekte beigetragen haben“. Eine seiner Aufgaben sei es gewesen, mit Hilfe der Multispektralkamera MKF-6M aus der DDR eine neue topographische Karte von Kuba zu erstellen.

Der kubanische Raumfahrer erinnerte daran, dass das „Interkosmos“-Programm selbst armen und unterentwickelten Ländern wie Kuba, Vietnam oder der Mongolei ermöglichte, Weltraumforschung zu betreiben. Er hob hervor, dass das „erst durch den Sozialismus möglich wurde“. Das Programm habe für alle beteiligten Länder Ergebnisse geliefert, „die sehr interessant und nützlich waren“. So sei bei seinem Raumflug 1980 erstmals im Rahmen der Hirnforschung ein Elektro-Enzephalogramm eines Kosmonauten aufgezeichnet worden. Dabei habe sich gezeigt, dass die Schwerelosigkeit die Hirntätigkeit des Menschen beeinflusse.

Eine große Raumfahrer-Familie

Beide Fliegerkosmonauten bestätigten, dass sie immer noch Kontakt zu ihren früheren Raumfahrer-Kollegen haben. Jähn kündigte an, dass zum 40. Jubiläum seines Fluges am 26. August vier sowjetische bzw. russische Kosmonauten in die Raumfahrt-Ausstellung seines Heimatortes Morgenröthe-Rautenkranz kommen würden. Dazu gehöre der damalige Bordingenieur von Salut 6, Alexander Iwantschenkow. Vladimir Remek, als Tschechoslowake der erste „Interkosmonaut“ vor 40 Jahren, komme ebenfalls nach Morgenröthe-Rautenkranz.

„Wir Kosmonauten bilden praktische eine große Familie“, unabhängig von der Herkunft, egal ob Kosmonaut oder Astronaut, sagte Kubas Kosmonaut Tamayo. Die internationale „Association of Space Explorers“ (ASE) organisiere jährlich gemeinsame Treffen. Er berichtete, dass nach seinem Flug 1980 auf Anregung Fidel Castros am Strand von Varadero ein Erholungsheim für Raumfahrer eingerichtet worden sei, dass es noch heute gebe und weiter für alle offen stehe, die ins All flogen, „unabhängig davon, aus welchem Land sie kommen“.


Der erste deutsche Kosmonaut Sigmund Jähn berichtete unter anderem, wieviel Post er zu seinem 80. Geburtstag 2017 bekam © SPUTNIK / TILO GRÄSER

Junggebliebene Kosmos-Veteranen

Jähn blickte auf die Zeit nach seinem Raumflug vor 40 Jahren zurück und meinte, danach habe er mehr gearbeitet als vorher. Er bedankte sich für die viele Post zu seinem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr und entschuldigte sich dafür, dass er nicht allen habe antworten können. Heute wünsche er sich mehr Ruhe und Zeit, auch etwas anderes machen zu können, gestand der Kosmonaut ein und bat: „Nicht mehr schreiben!“.

Tamayo stellte klar: „Wir sind zwar inzwischen alt, aber noch nicht fertig!“ Zuvor hatte er gesagt: „Vom Alter her sind wir inzwischen Veteranen, aber im Herzen sind wir jung geblieben.“ Er berichtete von seiner Tätigkeit als Berater der kubanischen Armee und als Abgeordneter der Nationalversammlung Kubas. Ihm sei wichtig, mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt verbunden zu bleiben und seine Erfahrungen an die jüngeren Generationen zu vermitteln. „Der außerirdische Raum ist weiter ein Bereich, den gerade die Jugend weiter erforschen kann und muss.“

Kuba bleibt im Kosmos

Der kubanische Kosmonaut berichtete, dass es inzwischen nach den Unterbrechungen infolge des Untergangs der Sowjetunion 1991 neue Kontakte zwischen Kuba und Russland gebe, um die gemeinsame Raumforschung fortzusetzen. Dazu würden derzeit konkrete Projekte mit dem staatlichen russischen Raumfahrtkonzern „Roskosmos“ besprochen und vorbereitet.

Die Unesco hatte Tamayo 2017 mit ihrer Medaille für Raumfahrtwissenschaft ausgezeichnet. „Für Kuba bedeutet diese Auszeichnung eine Anerkennung seines Beitrags im Bereich der Wissenschaft und zu den weltweiten Bemühungen, diese in den Dienst der Entwicklung zu stellen, wie dies wesentlich für die Erfüllung der Agenda für Nachhaltige Entwicklung ist“, berichtete die kubanische Zeitung „Granma“.

Keine Grenzen aus dem All erkennbar

Er selbst habe es als „großes Privileg“ empfunden, „die Möglichkeit zu haben, mit meinen Augen unseren Planeten aus einiger Entfernung betrachten zu können. Dadurch ist etwas mehr noch unser Bewusstsein geschärft worden, dafür, dass wir unseren Planeten behüten und beschützen müssen gegen alle Aggressionen, die auf ihn und seine wunderschöne Natur verübt werden.“

Tamayo beschrieb seine große Freude, die Erde mit ihren Kontinenten von oben zu sehen. An die „Fiesta“-Gäste gerichtet, fügte Tamayo hinzu: „Aus dieser Höhe waren keinerlei Grenzen zwischen den unterschiedlichen Ländern zu sehen – genauso wie ich jetzt hier keinerlei Grenzen zwischen Deutschland und Kuba, zwischen den Menschen sehe.“ Bei den Beziehungen zwischen den Völkern sei es nicht wichtig, wie weit die Länder voneinander entfernt lägen. Es gebe überall Probleme, die gemeinsam gelöst werden müssten.

Sorgen angesichts des irdischen Treibens

Auf den Blick von oben auf die Erde und die aktuellen Konflikte auf dieser angesprochen, sagte Jähn: „Das ist eine Frage, die mir als Problem oft durch den Kopf geht.“  Der erste deutsche Raumfahrer erinnerte sich an den Anblick des Amazonas-Gebietes und wie er dort 1978 bereits die Schneisen durch das Dschungelgebiet sah, geschlagen „von Leuten, die nichts weiter im Sinn haben als Gewinn zu machen, Gnade Gott, was mit dem Land passiert“.

Er habe voller Respekt auf die Erde geschaut und später oft darüber nachgedacht, „welche komischen Tiere sind wir denn, dass wir das kaputt machen, was uns ernährt, was auch für die Kinder, die nächsten Generationen sehr wichtig ist“. Angesichts der Politik „mancher Regierungen“ mit Rüstung bis hin zu Atomwaffen „glaubt man schon, dass unsere Zukunft nicht so klar vor uns liegt, wie wir das gerne möchten. Ich wünsche mir, dass es mit dieser Rüstung rückwärtsgeht und nicht vorwärts. Das wünsche ich auch meinen Kindern, Enkeln, und Urenkeln, die ich auch schon habe.“

Warnung vor Kriegstreiberei

Tamayo beantwortete am Samstag in Berlin auch Fragen zur aktuellen Entwicklung seines Landes. Er machte allen Zweiflern klar, dass Kuba sozialistisch bleibe und sich weiterhin dem Druck der USA nicht beugen werde. Gegenwärtig werde eine neue Verfassung vorbereitet, die von der gesamten Bevölkerung beraten werde. Das wie auch die personellen Veränderungen seit dem Tod von Fidel Castro 2016, so die Übergabe von Funktionen an Jüngere, dienten dem Ziel, „mehr Sozialismus“ zu erreichen und diesen zu stärken. „Wir werden weiterhin allen Aggressionen Widerstand leisten!“ Das gelte auch für die fortgesetzte „brutale Blockade durch unseren großen Nachbarn“.

Die Politik des Westens gegenüber Russland habe einen „sehr starken inhaltsreichen militärischen Aspekt“, begründete Raumfahrer-Kollege Jähn seine Sorgen mit Blick auf das aktuelle Verhältnis zwischen Deutschland und Russland. Als Militär denke er beispielswiese angesichts der westlichen Politik zur Ukraine: „Nachtigall, ick hör‘ Dir trapsen.“ „Die Krim ist der militärische Zugang zu dem großen Land Russland“, erinnerte der erste deutsche Kosmonaut. Gerade vom Schwarzen Meer, vom Süden her sei Russland verwundbar.

„Wenn ich dann weiß, dass auch wieder deutsche Soldaten an dieser Grenze stationiert sind und Aufgaben haben, kommt mir schon das Gruseln. Vor allem dann, wenn man wie viele ehemalige DDR-Bürger Freunde in Russland hat, fragt man sich schon: Wo steuert dieses Nato-Europa hin?“ Er habe davor Angst, gestand Jähn ein und wünschte sich, dass es keinen Krieg mehr mit Russland und seinen Völkern gebe.

Buntes „Fiesta-Programm“

Vor und nach ihrem gemeinsamen Auftritt auf der Bühne im Lichtenberger Stadtpark erfüllten Tamayo und Jähn zahlreiche Autogrammwünsche. Beim Fest in Berlin-Lichtenberg, Anlass ist jedes Jahr der Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba am 26. Juli 1953, der als Beginn der kubanischen Revolution gilt, gab es außerdem eine Diskussion über die Entwicklungen in Lateinamerika. Auftritte verschiedener Bands wie unter anderem „Sistema Sonidero“ aus Berlin und „Che Sudaka“ aus Barcelona sorgten mit lateinamerikanischer Musik für gute Stimmung. An zahlreichen Infoständen der kubanischen Botschaft, von Solidaritätsorganisationen und Verlagen gab es für die Besucher viele Informationen über Kuba und Lateinamerika.


Jähn und Tamayo erfüllten zahlreiche Autogrammwünsche, im Hintergrund ein Foto einer ihrer früheren Begegnungen


Kubas Kosmonaut (links) mischte sich unter die "Fiesta"-Besucher


Sigmind Jähn (links) und Arnaldo Tamayo Mendez (rechts) mit Moderator und Dolmetscher auf der Bühne der Fiesta


Arnaldo Tamayo Mendez (links) und Sigmund Jähn gemeinsam in Berlin


Die Berliner Band "Sistema Sonidero" eröffnete die "Fiesta de Solidaridad"
© SPUTNIK / TILO GRÄSER

Ursprung: Die Gefahren für die Erde vom All aus gesehen – Zwei Kosmonauten warnen